Die Fortpflanzung der Muscheln - Wie vermehren sich Muscheln?

Was Muscheln sind, hast du vielleicht schon in meinem Meeres-Blog über Muscheln gelesen. Hier wollen wir nun anschauen, wie das Sexleben einer Muschel aussieht. Du kannst dich auf Überraschungen gefasst machen.

Es gibt sehr viele Muschelarten. Berühmt sind zum Beispiel Miesmuschel, Auster und Pilgermuschel. Folglich möchte man meinen, dass auch das Sexleben der Muscheln sehr vielseitig wäre. Ist dem wohl so? Wie läuft das mit der Fortpflanzung der Muscheln?

Die Forscher sind sich nicht ganz einig, wieviele Muschelarten es nun tatsächlich sind. Ich kann das verstehen, Tiersystematik ist ein schwieriges Pflaster. Manchmal unterscheiden sich die Arten nur ganz undeutlich in ganz kleinen Details ihrer Schalen… Wir können aber davon ausgehen, dass es zwischen 9’000 und 10’000 verschiedene Arten gibt. Hinzu kommen etwa 20'000 bekannte ausgestorbene und fossil erhaltene Arten.

Im Meer leben etwa 8'000 verschiedene Muscheln. Die meisten davon sind getrennt geschlechtlich, das heisst, es gibt männliche und weibliche Tiere.

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Die Miesmuschel bildet an der Nordküste der Bretagne Muschelbänke

Die Fortpflanzung der Muscheln

Meeresmuscheln bewegen sich in der Regel nicht weit fort, sie können also keine ausgiebigen Wanderungen zur Partnersuche unternehmen. Es gibt meist auch keine innere Befruchtung, und somit auch keine Begattung, also keine Paarung. Muscheln haben einen anderen, sehr effizienten Weg zur Fortpflanzung gefunden – denselben, wie die meisten anderen Meerestiere übrigens auch: die äussere Befruchtung.

Die «äussere Befruchtung» der Eier

Muscheln verzichten auf die Paarung und haben damit schon die Gefahr, während Werbung, Balz und Paarung gefressen zu werden, eliminiert. Praktisch, aber vielleicht etwas spannungslos, nun ja… Jedenfalls stossen sie – meist durch Duftstoffe im Wasser synchronisiert – ihre Geschlechtszellen, Eier und Spermien, einfach ins Umgebungswasser aus.

Weibchen der Miesmuschel können bis zu dreimal im Jahr jeweils 5 bis 12 Millionen Eier abgeben. Die befruchteten Eier sind enorm klein: etwa 65 Tausendstelmillimeter! Das ist etwa so gross wie der Durchmesser eines Haares...

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Miesmuscheln bilden im Gezeitenbereich Muschelbänke. Während der Ebbe kommen viele Miesmuscheln ohne Wasser aus.

Die Reise als Planktonlebewesen

Hier beginnt dann eine abenteuerliche Reise mit den Strömungen durchs Meer: Die Männchen haben gleichzeitig ihre Spermien abgegeben. Diese finden die Eier über den Geruch und versuchen sie zu befruchten. Ist dies von Erfolg gekrönt, entwickelt sich im Ei ein Embryo.

Der Muschelembryo durchläuft nun mehrere Larvenstadien. Alle Stadien werden im Meer treibend durchlebt, als Teil des Planktons, jener Gemeinschaft der im Wasser schwebenden Tiere und Pflanzen. Darüber schreibe ich bald einen weiteren Artikel.

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Die Larven der Muschel

Das erste Stadium ist die sogenannte «Trochophora-Larve». Die ist birnenförmig bis rund, mikroskopisch klein und hat mehrere Reihen von Wimpern, die sich rhythmisch bewegen. Das hält die Larve in Schwebe. Sie soll ja in den obersten Meeresschichten bleiben, denn nur dort hat es viel Nahrung.

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Trochophora-Larve (en.wikipedia.org/wiki/Trochophore)

Die Trochophora-Larven leben zwar vorallem vom mitgeführten Eidotter, ähnlich wie ein Hühnerembryo. Sie müssen also noch nicht oder nur wenig Nahrung zu sich nehmen. Aber das ändert sich spätestens mit dem nächsten Larvenstadium, der sogenannten Veliger-Larve.

Video einer Veliger-Larve (Schnecken-Veliger)

Video einer Veliger-Larve (Muschel-Veliger)

Auch die Veliger-Larve ist Teil des treibenden Planktons. Spätestens hier beginnt die junge Muschel zu fressen. Meist sind dies die mikroskopisch kleinen Kieselalgen oder einzellige Grünalgen, also anderes Plankton.

Typisch sind ihre lappenartigen Fortsätze, die aussehen wie kleine Flügel, und die mit Wimpern besetzt sind. Diese «Segel» dienen der Fortbewegung und der Aufnahme der Nahrung. Bei manchen Muschelarten können die Veliger-Larven über viele hundert Kilometer verdriftet werden, andere Arten schaffen es nur wenige hundert Meter weit.

Die Metamorphose der Muscheln

Im Veliger-Stadium bildet die Muschel auch die Schale aus. Bei Muscheln teilt sich die ursprünglich oben liegende Schale in der Mitte in zwei Hälften. Die beiden Teile umschliessen dann den Larvenkörper. Fast ist die Muschel schon fertig! Aber es fehlt noch eine Metamorphose zum Adultstadium, die Umwandlung vom frei schwimmenden Planktontier zum bodenbewohnenden Müschelchen. Diese kann etwa zwei Tage dauern. Oft geht sie noch schneller vonstatten.

Die «Segel» – die Vela – werden abgebaut, und die Muschel erhält ihre endgültige Form. Jetzt sinkt sie zu Boden und muss darauf hoffen, dass sie an einem günstigen Ort «landet». Eine Auster braucht beispielsweise einen felsigen Untergrund im Flachwasser, eine Pilgermuschel muss auf Sandboden landen, damit sie nachher gute Lebensbedingungen hat.

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Austernbank bei Ebbe. Gut getarnte Steinwälzer auf Nahrungssuche

Miesmuscheln und Austern können sich als Jungmuscheln ein paar Tage und Wochen vom Meer umhertragen lassen, bis sie einen guten Ort gefunden haben. Danach bleiben sie an dieser Stelle. Miesmuscheln siedeln vor allem dort, wo schon Artgenossen sind. Dort lässt es sich offenbar gut leben.

Die Entwicklung über planktonische Larvenstadien ist gefährlich, die meisten werden von anderen Planktontieren gefressen, bevor sie sich zum Erwachsenen umformen. Deshalb produzieren Muscheln, aber auch andere Meerestiere, in der Regel unglaublich viele Junge, um die grosse Sterblichkeit auszugleichen. Die meisten marinen Muscheln vermehren sich nach diesem Muster.

Die Pazifische Auster beispielsweise produziert pro Laichvorgang 50 bis 100 Millionen Eier! Wenn im ganzen Leben dieser Auster zwei Jungtiere überleben, dann ist die Art gesichert... Ein Junges ersetzt die Mutter, eines den Vater. Es ist genau gleich wie bei uns.

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Schalen von Schwertmuscheln

Innere Befruchtung der Muscheln

Einige Muschelarten haben aber eine innere Befruchtung. Bei Austern beispielsweise gelangen die Spermien mit dem Atemwasser in den Körper des Weibchens und befruchten die Eier. Dort entwickeln sich die Embryonen gut geschützt, und Mutter Auster entlässt schon wenig später bereits weit entwickelte Veliger-Larven (s. o.). Das verringert die Kindersterblichkeit erheblich…

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Atemöffnung einer Riesenmuschel

Austern gehen bezüglich Fortpflanzung eigene Wege

Austern sind Zwitter

Austern sind zweigeschlechtlich, also zwittrig (sogennanter Hermaphroditismus), wobei bei den verschiedenen Austernarten auch unterschiedliche Ausprägungen von «Zwittrigkeiten» zu unterscheiden sind.

Die Pazifische Auster wächst als Männchen heran, und dies bleibt im ersten Jahr auch so. Im zweiten Jahr wechselt ein Teil der Population ihr Geschlecht und wird weiblich. Diese Weibchen bleiben dann Weibchen.

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Pazifische Felsenauster in der Bretagne

Die Europäischen Austern sind flatterhafter: Sie sind im ersten Jahr meistens – aber nicht ausschliesslich – männlich. Dann wechseln sie immer wieder ihr Geschlecht, man nennt das dann „konsekutiv rhythmische Hermaphroditen“. Tönt doch gut, oder?

Nur selten findet man in einer Austernpopulation ein unausgewogenes Verhältnis von männlichen und weiblichen Tieren. Umweltfaktoren wie Nahrungsangebot oder Temperatur bestimmen die Aktivität des Geschlechtswechsels. Bei üppigem Nahrungsangebot bilden sich mehr Weibchen, und somit gibt es auch mehr Nachwuchs!

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Austernzucht in der Bretagne

Teichmuschellarven als Parasiten und Symbionten

Nun noch ein exotisches Beispiel aus dem europäischen Süsswasser: In den meisten einheimischen Tümpeln und Seen lebt die Grosse Teichmuschel. Teichmuscheln sind Zwitter. Sie produzieren an die 600’000 Eier aufs Mal. Die Eier werden in den Spalträumen zwischen den Kiemen gehütet, dort werden sie auch mit Spermien, die durchs Atemwasser eingespült werden, befruchtet.

Die Brut der Eier dauert lange, die Larven überwintern im Elterntier und werden im Frühling einfach ausgespuckt. Die Larven sehen sehr speziell aus: Sie haben bereits eine kleine zweiklappige Schale, deren Rand mit grossen Haken versehen ist. Solche Larven heissen Glochidien und sind einzigartig. Glochidien kommen nur bei Fluss- und Teichmuschelverwandten vor. Teichmuscheln durchlaufen kein Veligerstadium.

Fische, die sich der Larve nähern, lösen ein Zuklappen der ansonsten offen aufgeklappten Jungtiere aus. Die Haken bohren sich in die Fischhaut. Viele Larven werden auch von den Fischen eingesaugt und hängen dann in deren Kiemen fest. Die Muschellarven leben nun vom Gewebe ihres «Wirts», sie sind echt lästige Parasiten. Sie schädigen den Fisch aber nicht über Gebühr...

Nach einer Metamorphose lösen sich die ehemaligen Larven – sie sind nun zu kleinen Muscheln geworden – vom Wirt. 

Die Grosse Teichmuschel und der Bitterling, ein kleiner Karpfenfisch, leben in einer Symbiose: Bitterlinge legen ihre Eier in die Körperhöhle der Teichmuscheln. Die weiblichen Bitterlinge haben dafür während der Fortpflanzungszeit eine Art Pipeline, mit der die Eier zielgenau deponiert werden. Die Muschel brütet die Fischembryos des Bitterlings aus, gleichzeitig nisten sich die Muschellarven bei dem Fisch ein. Muschellarven, die keinen Wirt finden, verenden.

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2 Kommentare

  • Wieder total erstaunlich und interessant!
    Mir kommt die Frage, wie Aussagen wie die folgenden bei den mikroskopischen Dimensionen der Eier und der Larven überhaupt verifizierte werden können:
    "Weibchen der Miesmuschel können bis zu dreimal im Jahr jeweils 5 bis 12 Millionen Eier abgeben."
    "Die Spermien finden die Eier über den Geruch und versuchen sie zu befruchten."
    oder
    "Bei manchen Muschelarten können die Veliger-Larven über viele hundert Kilometer verdriftet werden, andere Arten schaffen es nur wenige hundert Meter weit."
    Herzlichen Dank und Gruss
    Walter
  • Lieber Walter,
    Ja, die Arbeit der Biologen ist manchmal wirklich sehr "detailiert". Oft muss man sehr pingelig sein. Viele Fakten kommen oft erst über Generationen von Forschern und Dutzenden von Publikationen zustande. Aber, und das ist das Schöne, oft kann man schlicht und einfach GANZ GENAU HINSEHEN und bekommt dann die richtigen Anstösse.
    Für sehr viele Erkenntnisse über Meerestiere waren und sind Aquarien extrem wertvoll. Sehr viel zur Biologie der Meerestiere und Meerespflanzen ist erst in Aquarien herausgefunden oder verifiziert worden. Bei meinen Studien früher war's genauso. Mir ist zum Beispiel etwas Spannendes in der Natur aufgefallen und konnte es nachher im Aquarium ganz genau beobachten. Und dann geht man wieder zurück in die Natur, um das im Aquarium Herausgefundene zu verifizieren.
    LG Thomas

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