Seepocken – die Schnellkleb-Weltmeister

Etwas schroff sehen sie auf den ersten Blick schon aus, die Seepocken. Wie steinerne Warzen kleben sie zu Millionen auf den Felsen der bretonischen Küste und warten bis die nächste Flut wieder Planktonnahrung bringt. Dann öffnen sie sich für einen Wimpernschlag und sieben mit ihren Rankenfüssen kleine Meeresorganismen, meist Larven des Planktons, aus dem Wasser. Ist die Welle weitergeschwappt, ist auch die Seepocke wieder geschlossen.

Seepocken 2016 04 Erquy 1356

Seepocken halten alle Unbill der Gezeitenzone aus. Auch ein heisser Sommertag kann ihnen nichts anhaben, das stabile Kalkgehäuse schützt sie vor Austrocknung. Gegen die harten Schläge der Brandung schützt das Gehäuse genauso.

Seepocken 09D7541

Schnellkleber

Seepocken sind Krebse – man will es fast nicht glauben. Sie sind mit ihrem Rücken am Fels festgewachsen und bewegen sich nie vom Fleck. Eine selbstgemörtelte "Mauerkrone" aus massiven Kalksteinplatten umgibt den fragilen Krebskörper. Nur eine kleine Öffnung lässt sich öffnen, um die feinen Rankenfüsse als Planktonnetze ins Meerwasser zu recken.

Seepocken jung und Cypris 2018 04 Bretagne 0249

Als Larven hat sie das Meer mit Wucht an den Felsstrand getragen, und sie klebten sich zwischen zwei Wellen an einem Felsen fest. Eine Klebdrüse am Kopf macht es möglich (Bild oben).

Seepocken riechen ihre Artgenossen, sie siedeln immer nur dort, wo es schon welche hat. Sicher ist sicher!


Seepocken Cyprislarven

Die Cyprislarven sehen aus wie winzige Muscheln (Bild oben).

Das längste Ding der Welt

Wie paart man sich, wenn man bewegungslos festgeklebt ist? Als Seepocke ist man weder Männchen noch Weibchen, man ist beides. Seepocken sind Zwitter, und die Rollenverteilung bei der Fortpflanzung ist eher flatterhaft: Seepocken in männlicher Haltung tasten mit einem riesenhaften Penis, der ihre eigene Körperlänge um das 10-fache übersteigt, die Umgebung nach Artgenossen ab; vielleicht findet sich da ja gerade jemand weiblichen Gemüts? Da die Seepocken immer in riesigen Ansammlungen leben, stehen die Chancen auf ein erfolgreiches Techtelmechtel – viele befruchtete Eier – also gut.

Seepocken jung und erwachsen 2016 04 Erquy 1396

Ein gefährliches Leben als Larve

Nach der Befruchtung bleiben die Eier im Kalkpanzer des Elternteils. Im Frühling schlüpfen die Larven und werden ins offene Meer hinausgespült. Sie haben zunächst eine für diese Krebse typische Form, die «Naupliusgestalt». Später verwandeln sie sich in eine weitere Larvenform, die «Cyprislarve», die mit einem kleinen Panzer aus zwei seitlichen Schalen, einer Muschel ähnlich sieht.

Als Larven hat sie das Meer mit Wucht an den Felsstrand getragen

Jetzt muss die Larve einen guten Ort für die Ansiedlung finden. Sie riecht ihre Artgenossen, falls solche in der Nähe sind und heftet sich mit einem ultraschnell haftenden Leim an einem Felsen fest. Sie dreht nun den Rücken zum Felsgrund und zementiert sich endgültig ein. Danach häutet sie sich mehrmals innerhalb des Panzers. Die Wachstumsgeschwindigkeit wird von der Wassertemperatur und dem Nahrungsangebot bestimmt.

Ihre Fähigkeit auch glatte Flächen blitzschnell zu besiedeln, macht Bootsbesitzern grössere Schwierigkeiten. Ohne Spezialbehandlung überzieht sich jeder Bootsrumpf in kürzester Zeit mit einem rauhen Belag aus Seepocken; und dahin ist die perfekte Hydrodynamik! Auch manche Wale kennen einen Bewuchs mit Seepocken...

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2 Kommentare

  • Schroff - das kannst Du laut sagen! Habs zu spüren bekommen damals...aber dank diesen paar Kratzern trage ich das Meer immer mit mir - was will man mehr? Ah, ich wüsste, was ich mehr, respektive meer will, endlich wieder mal hin! Im 21!
    Schöne Webseite, toller Lesestoff!
    FF (Frau Fischli - ich hör Senn immer noch kichern, jedes Mal, wenn er's gesagt hat...)
  • Danke, sehr interessant und aufschlussreich. Da sieht man mal wieder, dass man einfach nichts weiss. Bin gespannt auf weitere interessante Artikel resp. Hinweise.
    Liebe Grüsse mach weiter so. Anna

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