Fakten für Eilige:
Meersalz entsteht, wenn Meerwasser in flachen Becken verdunstet und das darin gelöste Salz kristallisiert. Im Gegensatz zu Steinsalz stammt es nicht aus unterirdischen Lagerstätten, sondern wird an der Oberfläche geerntet – mit all seinen natürlichen Begleitstoffen.
Salz ist weit mehr als nur eine alltägliche Zutat in der Küche – es ist ein geologisches Produkt mit überraschend unterschiedlichen Ursprüngen. Meersalz unterscheidet sich dabei deutlich von Steinsalz, das viele Menschen aus dem Salzstreuer kennen. Während Steinsalz aus alten, vor Jahrmillionen ausgetrockneten Meeren stammt und tief aus der Erde abgebaut wird, ist Meersalz ein „frisches“ Produkt: Es entsteht durch die natürliche Verdunstung von Meerwasser unter freiem Himmel.
In Küstenregionen mit ausreichend Sonne, Wind und geeigneten Geländeformen wird Meerwasser gezielt in sogenannte Salinen oder Salzgärten geleitet. Dort beginnt ein Prozess, der über Wochen oder gar Monate dauert: Das Wasser verdunstet langsam, während die Salzkonzentration in den flachen Becken stetig steigt. Am Ende bleibt kristallisiertes Salz zurück – das geerntet, getrocknet und je nach Bedarf gesiebt oder verpackt wird.
Chemisch gesehen besteht Meersalz wie Steinsalz hauptsächlich aus Natriumchlorid (NaCl). Doch anders als industriell gereinigtes Kochsalz enthält es zusätzlich Magnesium, Kalium, Kalzium und weitere Mineralien – Überreste aus dem Meerwasser. Diese Begleitstoffe, gemeinsam mit Kristallform, Restfeuchte und Größe der Körner, beeinflussen den Geschmack und das Verhalten beim Kochen. Manche Sorten knistern beim Mahlen, andere schmelzen sofort auf der Zunge.
Ein weiterer Unterschied liegt in der Verarbeitung. Meersalz wird häufig traditionell per Hand gewonnen und kaum industriell bearbeitet. Es kommt in verschiedenen Varianten vor – etwa als feines Salz, grobes Salz, „Fleur de Sel“ oder „Sel Gris“. Die Vielfalt ergibt sich aus der Kristallisationsweise und der jeweiligen Schicht, aus der das Salz geerntet wird.
| Meersalz | Steinsalz | |
| Herkunft | Verdunstung von Meerwasser | Abbau aus unterirdischen Lagerstätten |
| Gewinnung | Traditionell, offen in Becken | Industrieller Bergbau |
| Verarbeitung | Minimal, meist handwerklich | Oft raffiniert, maschinell |
| Mineralien | Enthält Spuren aus Meerwasser | Kann ebenfalls Begleitstoffe enthalten |
| Geschmack | Vielschichtig, mild bis intensiv | Neutral bis salzig |
| Nachhaltigkeit | Umweltabhängig, regional | Abhängig von Abbaumethode |
Beim Besuch der Salinen in der Bretagne ist mir besonders aufgefallen, wie sehr sich die Kristalle je nach Wetter, Wind und Jahreszeit unterscheiden. Es ist faszinierend, wie aus scheinbar klarem Meerwasser ein aromatisches, mineralisch duftendes Salz entsteht – in Formen, die an Schneeflocken erinnern oder wie kleine graue Splitter aussehen.
In Salzgärten wird Meerwasser in flache Becken geleitet, wo Sonne und Wind das Wasser verdunsten. Zurück bleiben Salzkristalle, die am Boden oder an der Oberfläche geerntet werden – ganz ohne chemische Zusätze, nur mit Naturkräften.
Die Meersalzgewinnung ist ein erstaunlich einfacher, aber fein abgestimmter Prozess: Sie beruht allein auf Sonne, Wind und Geduld. Die Grundlage bildet das Meerwasser selbst – angereichert mit rund 35 Gramm gelösten Salzen pro Liter. Diese Mischung wird bei Flut oder über Kanäle in weitverzweigte Becken geleitet, die so flach angelegt sind, dass die Verdunstung besonders effizient funktioniert.
Zunächst passiert das Wasser sogenannte Vorbecken, in denen Schwebstoffe absinken. Dann fließt es stufenweise durch weitere Becken – in jedem steigt der Salzgehalt etwas mehr an. Am Ende steht die Kristallisation: Sobald die Lösung gesättigt ist, bilden sich feste Salzkristalle. Sie sinken zu Boden oder schwimmen – je nach Dichte, Temperatur und Luftbewegung – als hauchdünne Schicht auf der Oberfläche.
Wichtig ist dabei die kontinuierliche Steuerung des Wasserflusses. Salzgärtner nutzen einfache, aber präzise Systeme aus Holzklappen, Schleusen und kleinen Dämmen, um das Wasser zu lenken. Es braucht viel Erfahrung, um abzuschätzen, wann ein Becken "bereit" ist. Zu frühes Ablassen oder ein plötzlicher Regenschauer können die Ernte beeinträchtigen – oder sie ganz zunichtemachen.
Je nach Region dauert der gesamte Prozess Wochen bis mehrere Monate. Besonders an der französischen Atlantikküste beginnt die Salzsaison meist im späten Frühling und endet im frühen Herbst. In dieser Zeit beobachten Salzgärtner täglich Wetter, Windrichtung und Wasserstand – ein Zusammenspiel von Mensch und Natur, das sich über Generationen bewährt hat.
In der Île de Ré konnte ich einmal beobachten, wie ein Salzgärtner mit einem langen Holzstab prüfte, ob die Sole schon „zieht“. Er erklärte mir, dass er an der Wasserfarbe erkennt, wie weit die Verdunstung ist – das leuchtende Violett war ein Zeichen, dass Mikroorganismen sich bereits auf das nächste Salzstadium vorbereiten.
Sonne liefert die Energie zur Verdunstung, Wind sorgt für trockene Luft und transportiert Feuchtigkeit ab. Flache, weiträumige Becken erhöhen die Verdunstungsrate – und ermöglichen eine präzise Steuerung des Kristallisationsprozesses.
Der Kristallisationsprozess in Salzgärten ist ein Zusammenspiel von Naturkräften und gezielter Landschaftsgestaltung. Ohne Maschinen, ohne Zusatzstoffe – nur durch die clevere Nutzung von Sonne, Wind und Wasserfluss entsteht aus flüssiger Meeressole festes Salz.
Die Sonne spielt dabei die Hauptrolle: Ihre Wärme bringt das Wasser im Becken zum Verdampfen. Je stärker die Sonneneinstrahlung, desto mehr Wasser verdunstet pro Tag – vorausgesetzt, andere Bedingungen stimmen. Und hier kommt der Wind ins Spiel: Er sorgt dafür, dass die mit Wasserdampf gesättigte Luft über der Wasseroberfläche abtransportiert wird. Diese Luftschicht wird ständig durch trockenere Luft ersetzt, was die Verdunstung weiter antreibt.
Die Gestaltung der Beckenlandschaft ist auf maximale Effizienz ausgerichtet. Flachwasserbereiche mit großer Oberfläche erhöhen die Verdunstungsrate deutlich. Die typische Anordnung in langgestreckten, voneinander abgetrennten Becken erlaubt eine stufenweise Erhöhung der Salzkonzentration. In jedem Becken herrschen leicht unterschiedliche Bedingungen – das beeinflusst, wann und wie sich Salzkristalle bilden.
Die Becken selbst sind häufig unversiegelt und mit Ton oder Schlick ausgekleidet. Diese Materialien helfen nicht nur beim Wasserhalt, sondern beeinflussen auch die Farbe und Zusammensetzung des Salzes – Sel Gris etwa nimmt Tonpartikel aus dem Boden auf, was ihm seine charakteristische graue Tönung verleiht.
Selbst kleine Unterschiede im Mikroklima – etwa ob ein Becken vor Wind geschützt ist oder nicht – können über die Menge und Qualität des geernteten Salzes entscheiden. Für Salzgärtner ist jede Saison anders. Kein Jahr gleicht dem anderen – und genau das macht die Meersalzgewinnung so besonders.
Beim Blick über die Salinen bei Ebbe fällt auf, wie unterschiedlich die Becken wirken: Manche fast leer, andere glitzernd gefüllt mit Sole, in wieder anderen schwimmt ein feiner Schimmer. Diese Vielfalt spiegelt die hohe Kunst der Salzgärtner wider, aus Naturbedingungen ein verlässliches Produkt zu machen – mit bloßem Auge, Erfahrung und Gefühl für Wetterlagen.

Die Salzart hängt davon ab, wann und wo die Kristalle geerntet werden: Fleur de Sel entsteht als dünner Film auf der Oberfläche, Sel Gris sammelt sich am Boden. Wetter, Beckenboden und Erntezeitpunkt bestimmen Struktur, Geschmack und Farbe.
Die Vielfalt der Meersalze verdankt sich nicht etwa Zusatzstoffen oder industrieller Veredelung, sondern allein der Natur und dem richtigen Zeitpunkt. In den Salinen Frankreichs – etwa in Guérande, der Camargue oder auf der Île de Ré – entstehen je nach Ernteweise und Kristallisationsphase ganz unterschiedliche Salzarten.
Fleur de Sel, die vielleicht bekannteste Variante, bildet sich nur unter bestimmten Bedingungen: Es muss warm, windstill und trocken sein. Dann entsteht auf der Oberfläche des Kristallisationsbeckens eine zarte Salzhaut – kaum dicker als Papier. Diese wird vorsichtig mit einem speziellen Holzrechen abgeschöpft, bevor sie wieder absinkt. Fleur de Sel enthält viel Restfeuchtigkeit, hat eine unregelmäßige, blättrige Struktur und gilt als besonders fein im Geschmack – ideal zum Nachwürzen auf dem Teller.
Sel Gris, das „graue Salz“, entsteht eine Stufe darunter: Wenn die Sole gesättigt ist, sinken schwerere Salzkristalle auf den Boden der Becken. Dort lagern sie sich ab und werden mit einem Schieber zusammengetragen. Die graue Färbung stammt von Tonmineralien, die sich beim Erntevorgang mit dem Salz mischen. Es ist gröber, herzhafter und durch seine Restfeuchte leicht klebrig – dafür aber besonders mineralstoffreich.
Dazwischen gibt es viele Varianten: grobes Meersalz, das später getrocknet und gesiebt wird, feines Meersalz, das als Tafelsalz dient, oder aromatisierte Salze, bei denen Kräuter oder Algen zugesetzt werden. Auch diese Unterschiede entstehen nicht im Labor, sondern durch Kombination aus Wetterlage, Geometrie der Becken, Zeitplanung – und Erfahrung.
Die erste Fleur-de-Sel-Flocke, die ich je probiert habe, zerfiel fast wie Schnee auf der Zunge – mild, aber mit einem Anklang von Meer. Kein Vergleich zum knirschenden Steinsalz aus dem Supermarkt. Spätestens da wurde klar: Meersalz ist mehr als nur Natriumchlorid – es ist ein Ausdruck von Ort, Klima und Handwerk.
Französische Salzgärtner steuern den Wasserfluss manuell und ernten das Salz per Hand – unterstützt von einfachen Hilfsmitteln und modernen Messgeräten. Der Beruf verbindet jahrhundertealtes Wissen mit heutigen ökologischen Ansprüchen.
Die Arbeit in den Salzgärten Frankreichs ist weit mehr als das bloße Ernten von Salzkristallen. Sie ist eine Mischung aus Naturbeobachtung, traditionellem Handwerk und präzisem Timing – und sie verändert sich mit jeder Flut, jedem Windstoß, jeder Wolke am Himmel.
Ein typischer Tag beginnt früh: Salzgärtner – auf Französisch paludiers – kontrollieren die Becken, messen Salzgehalt und Wasserstand, beobachten Wetter und Windrichtung. Mit einfachen Holzschiebern und Schleusenreglern lenken sie das Wasser durch das System aus Kanälen und Becken. Die Werkzeuge sind oft handgemacht, der Ablauf klar geregelt – und doch erfordert jede Entscheidung Erfahrung und Fingerspitzengefühl.
Besonders in Regionen wie Guérande, der Île de Ré oder der Camargue ist diese Arbeit tief in der lokalen Kultur verwurzelt. Viele Betriebe sind klein und familiengeführt. Die Ernte erfolgt meist per Hand, oft barfuß stehend im seichten Wasser. Dabei entstehen täglich neue Entscheidungen: Lohnt sich heute eine Fleur-de-Sel-Ernte? Ist die Sole im nächsten Becken schon „reif“? Muss ein Damm repariert werden?
Moderne Technik unterstützt punktuell: Digitale Salzgehalt-Messgeräte, kleine Pumpen oder Wetterdaten helfen, die Arbeit effizienter zu gestalten – ohne den handwerklichen Charakter zu verlieren. Gleichzeitig betreiben viele Salzgärtner heute Hofläden, bieten Führungen an oder organisieren Märkte und Bildungsprogramme. Sie öffnen ihre Arbeit für die Öffentlichkeit – und machen damit deutlich, dass Meersalzgewinnung mehr ist als nur Produktion: Sie ist Teil eines ökologischen und kulturellen Gesamtsystems.

Salzgärten schaffen Lebensräume für spezialisierte Pflanzen, Vögel und Mikroorganismen. Durch ihre extensive Bewirtschaftung fördern sie die Biodiversität – ähnlich wie naturnahe Feuchtgebiete.
Salzgärten sind weit mehr als Produktionsstätten für Meersalz. Sie sind eigenständige Ökosysteme – geschaffen vom Menschen, aber von der Natur erobert. Zwischen Schlickflächen, flachen Wasserbecken, vegetationsarmen Dämmen und salzliebender Flora entsteht eine außergewöhnlich artenreiche Kulturlandschaft.
Viele der in Salzgärten vorkommenden Pflanzenarten gelten als halophil – also salztolerant. Dazu gehören u. a. Strandflieder, Queller (Salicornia) oder Salz-Aster. Diese Spezialisten besiedeln die feuchten Ränder der Becken oder die leicht überfluteten Zonen. Sie sind nicht nur an den salzigen Boden angepasst, sondern oft auch wichtige Nahrungsquellen für Insekten.
Besonders auffällig ist jedoch die Vogelwelt: Zahlreiche Wat- und Wasservogelarten nutzen die Salinen als Rast-, Brut- oder Nahrungsgebiete. Bekannte Gäste sind etwa Säbelschnäbler, Stelzenläufer, Austernfischer oder sogar Flamingos – je nach Region. Der ständige Wechsel von Wasserstand, Salzgehalt und Vegetationsgrad schafft ein Mosaik an Mikrohabitaten, das ökologisch besonders wertvoll ist.
Hinzu kommen salzliebende Mikroorganismen wie Algen oder Bakterien, die nicht nur zur Färbung der Becken beitragen (z. B. grün, rosa oder violett), sondern auch wichtige ökologische Funktionen übernehmen – etwa als Nahrungsgrundlage in der Nahrungskette oder bei der Mineralstoffbindung im Boden.
Ein entscheidender Faktor ist die Form der Bewirtschaftung: Weil Salzgärten regelmäßig, aber vergleichsweise schonend gepflegt werden – im Gegensatz zu intensiv genutzten Flächen – bleibt die ökologische Dynamik erhalten. Sie können so Rückzugsorte bieten, die in anderen Küstenzonen durch Deiche, Bebauung oder Tourismus zunehmend verloren gehen.
Die Atlantikküste Frankreichs bietet mit mildem Klima, starken Gezeiten und langer Tradition ideale Bedingungen für hochwertige Meersalze – und ist ein Zentrum handwerklicher Salzgewinnung in Europa.
Frankreichs Atlantikküste ist eine der bedeutendsten Regionen für Meersalzgewinnung in Europa – und das nicht ohne Grund. Zwischen Bretagne und Vendée herrschen Bedingungen, die für die Salzproduktion nahezu ideal sind: milde Sommer, viele Sonnenstunden, stetiger Wind und vor allem ein ausgeprägter Tidenhub. Dieser Wechsel von Ebbe und Flut ermöglicht es, große Mengen Meerwasser in die Salzgärten zu leiten – ohne künstliche Pumpen.
Besonders bekannt ist die Region um Guérande, wo auf rund 2.000 Hektar Salzgärten noch heute nach traditionellen Methoden gearbeitet wird. Die hier gewonnenen Salze – insbesondere Fleur de Sel und Sel Gris – tragen geschützte Herkunftsbezeichnungen (IGP) und gelten international als Qualitätsprodukte. Auch auf der Île de Ré und in der Umgebung der Île de Noirmoutier prägen Salinen das Küstenbild und die lokale Identität.
Was die Salinen hier so besonders macht, ist das enge Zusammenspiel von Natur, Handwerk und Kultur. Viele Anlagen sind über Jahrhunderte hinweg entstanden und gepflegt worden. In Guérande zum Beispiel reichen die ältesten bekannten Becken bis ins Mittelalter zurück – mit einem ausgeklügelten System aus Dämmen, Schleusen und Kanälen, das bis heute funktioniert.
Zudem stehen viele dieser Salinen unter Natur- oder Landschaftsschutz. Besucher können sie über gut angelegte Wege erkunden, an Führungen teilnehmen oder in kleinen Hofläden regionales Salz erwerben. Der Tourismus wurde dabei bewusst mit dem Naturschutz verknüpft – eine Strategie, die wirtschaftliche Nutzung und ökologische Verantwortung in Einklang bringt.
| Region | Besonderheit |
| Guérande | Berühmte Fleur-de-Sel-Produktion |
| Île de Ré | Historisches System, nachhaltiger Tourismus |
| Camargue | Flamingos, Biodiversität, Naturpark |
| Île de Noirmoutier | Kleine Familienbetriebe, intensive Handarbeit |
Als ich das erste Mal über die Salinen von Guérande ging, fiel mir auf, wie ruhig es war – kein Motorengeräusch, nur Wind, Vogelrufe und das leise Gluckern der Wasserkanäle. Es war, als ob die Landschaft selbst das Tempo vorgibt – und genau das scheint der Schlüssel zu ihrer Beständigkeit zu sein.
Viele Salzgärten an Frankreichs Atlantikküste sind frei zugänglich oder bieten Führungen an. Hier kannst du sehen, wie Salz entsteht – und zugleich Vögel beobachten, Pflanzen entdecken und das Ökosystem Saline mit allen Sinnen erleben.
Meersalzgewinnung ist nicht nur ein faszinierender Prozess – sie lässt sich vielerorts auch hautnah erleben. Ob in der Bretagne, auf der Île de Ré oder in der Camargue: Zahlreiche Salinen sind heute öffentlich zugänglich, bieten Führungen an oder verfügen über kleine Infozentren, in denen die Zusammenhänge zwischen Salz, Natur und Mensch erklärt werden.
Viele dieser Anlagen führen Besucher entlang schmaler Dämme durch das Beckenlabyrinth. Je nach Saison lässt sich beobachten, wie das Wasser gelenkt, das Salz geerntet oder die Kristalle getrocknet werden. Oft stehen Infotafeln bereit, die erklären, was im jeweiligen Abschnitt passiert – von der Klärung der Sole bis zur Entstehung der Salzhaut. Wer Glück hat, kann den Unterschied zwischen Fleur de Sel und Sel Gris direkt im Becken erkennen.
Ein besonderes Erlebnis ist die Kombination von Salz und Natur: In vielen Salzgärten gibt es Vogelbeobachtungsstationen, ausgewiesene Pflanzenpfade oder kleine Lehrpfade durch die salztolerante Vegetation. Wer mit offenen Augen unterwegs ist, entdeckt nicht nur die Technik des Salzhandwerks, sondern auch typische Küstenarten wie Queller, Strandflieder oder brütende Watvögel.
Praktische Tipps:
Wie entsteht Meersalz?
Meersalz entsteht durch natürliche Verdunstung von Meerwasser. In flachen Becken, den sogenannten Salinen oder Salzgärten, sorgen Sonne und Wind dafür, dass das Wasser verdampft und Salzkristalle zurückbleiben.
Was ist der Unterschied zwischen Fleur de Sel und Sel Gris?
Fleur de Sel schwimmt als feine Kristallhaut auf der Wasseroberfläche und wird per Hand abgeschöpft. Es ist zart, feucht und ideal zum Nachwürzen. Sel Gris lagert sich am Beckenboden ab, enthält Tonpartikel und hat eine gröbere, klebrigere Struktur – ideal zum Kochen.
Warum ist Fleur de Sel so teuer?
Die Ernte ist aufwendig und wetterabhängig. Fleur de Sel kann nur bei ruhigem Wetter entstehen, wird per Hand in kleinen Mengen geerntet und nicht industriell verarbeitet – das macht es exklusiv.
Wie funktioniert eine Saline?
Meerwasser wird durch Kanäle in ein System aus flachen Becken geleitet. Dort verdunstet es stufenweise, bis das Salz kristallisiert. Salzgärtner steuern den Wasserfluss, kontrollieren Salzgehalt und ernten die Kristalle per Hand.
Gibt es Salzgärten auch an der französischen Atlantikküste?
Ja, viele sogar. Besonders bekannt sind die Salinen von Guérande, die Île de Ré, Noirmoutier und die Camargue. Dort wird Meersalz noch heute traditionell geerntet – oft verbunden mit Führungen und Naturbeobachtungen.
Kann ich selbst beobachten, wie Salz entsteht?
In vielen Salinen ist das möglich. Es gibt Besucherwege, Infozentren, Führungen und sogar Mitmachangebote. Der Strandführer Ärmelkanal und Atlantikküste hilft dir, solche Orte zu finden und das Ökosystem besser zu verstehen.
Ist Meersalz nachhaltiger als Steinsalz?
Das hängt vom Maßstab ab. Traditionelle Meersalzgewinnung nutzt Sonne und Wind, ist ressourcenschonend und fördert Biodiversität – vor allem, wenn sie regional und handwerklich erfolgt.
Meersalz ist kein bloßes Küchenprodukt – es ist das Ergebnis eines fein abgestimmten Zusammenspiels von Natur, Klima und menschlicher Erfahrung. Wer sich einmal bewusst mit der Entstehung von Fleur de Sel oder Sel Gris beschäftigt hat, erkennt: Hier steckt mehr dahinter als nur Natriumchlorid. Jede Kristallform, jede Schattierung, jede Salzart erzählt vom Wind, der durch die Becken strich, von der Sonne, die das Wasser verdunstete, und von den Händen, die das Salz schließlich geerntet haben.
An Frankreichs Atlantikküste wird diese Verbindung von Handwerk, Natur und Kultur besonders deutlich. Die Salinenlandschaften dort sind Orte des Wissens, der Stille und der Vielfalt – für Salzgärtner ebenso wie für Besucher:innen. Wer sich Zeit nimmt, sie zu erkunden, sieht nicht nur, wie Salz entsteht, sondern wie eng menschliches Tun mit natürlichen Prozessen verflochten ist.
Der Strandführer Ärmelkanal und Atlantikküste hilft dabei, diese Welt mit anderen Augen zu sehen – als ein lebendiges Küstenmosaik aus Lebensräumen, Arten und Geschichten. Und vielleicht landet beim nächsten Prise Salz auf dem Teller ja auch ein kleines Stück dieser Erfahrung.
Der Strandführer Ärmelkanal und Atlantikküste ist aus zahlreichen Exkursionen entstanden und lädt dazu ein, das Meer nicht nur zu sehen, sondern zu verstehen.
Quellen:
Im Meer gibt’s für Fische bei der Vermehrung grundsätzlich zwei Methoden. Methode eins benützen Mainstream-Meeresfische. Sie paaren sich nicht und haben deshalb keine innere Befruchtung der Eier. Männchen und Weibchen geben ihre Geschlechtsprodukte einfach ins freie Wasser ab. Das können Tausende bis Millionen Eier aufs Mal sein, die im freien Meer sich selbst überlassen sind. Die Eier entwickeln sich ohne Brutpflege zu winzigen Larven und treiben für Tage bis Wochen in den Strömungen. Dort ernähren sie sich von anderen Planktontieren oder werden selbst gefressen. Die Verluste sind immens. Von den mehreren Millionen Jungen einer Steinbuttdame müssen durchschnittlich nur zwei erwachsen werden. Die anderen sind Teil der Nahrungskette.
Haifischeier sind exzellente "Miniaquarien" für die Embryonen
Anders verhält es sich bei Haien oder Rochen. Die paaren sich, haben – wie wir – eine innere Befruchtung und gebären nach vielen Monaten der Schwangerschaft nur ganz wenige Kinder aufs Mal. «Wenig» ist relativ, denn zehn oder zwölf Junghaie pro Saison sind ganz typisch. Manche Arten legen auch Eier, die meistens sehr gross sind. Junge Haie und Rochen sind sofort nach der Geburt selbstständig, es gibt kein Larvenstadium.
Bei der Fortpflanzung im Riff stellt sich folgende Frage: Wie viel soll man in den Nachwuchs investieren, um möglichst viele Kinder in die nächste Generation zu bringen? Lässt man die zahlreichen Jungen unbeaufsichtigt, dann wird sicher der Grossteil gefressen. Macht man viel Brutpflege bei nur wenigen Jungen, dann haben diese zwar gute Überlebenschancen, aber man kann selbst nicht mehr auf Nahrungssuche gehen. Aufzucht ist aufwändig.
Im Korallenriff hat sich bei vielen Fischen die Brutpflege unterschiedlich stark durchgesetzt. Das dreidimensionale Korallenriff bietet sehr viele Versteckmöglichkeiten und viele verschiedene Nahrungsquellen. Besonders exotisch ist aufwändige Maulbrut der Kardinalbarsche.

Das Maul ist gerappelt voll mit Eiern oder frisch geschlüpften Jungfischen
Die Kleinen suchen sich schnell ein nettes Plätzchen zwischen den Fangarmen einer grossen Seeanemone.
Die Männchen übernehmen den Hauptanteil der Brutarbeit. Das Weibchen liefert die grossen und seltenen Eier und das Männchen die billigen, winzigen Spermien. Dann wendet sich das Blatt: Das Männchen verstaut die Eier sofort in seinem grossen Maul, sobald sie befruchtet sind, das Weibchen ist nach der Eiablage von allen Pflichten entbunden. Papa ist ein echter Maulheld. Je grösser sein Maul, desto mehr Eier passen rein und desto besser sind die Jungen geschützt. Wenn die Jungen nach wenigen Wochen aus ihren Eiern geschlüpft sind, bleiben sie oft noch einige Tage im Maul des Vaters, bis sie stark genug für das harte Leben sind. Die grössten Verluste durch Prädation werden so verhindert. Die Jungen des Banggai-Kardinalbarsches nutzen danach die langen Stacheln von Seeigeln und sogar die nesselnden Fangarme von Seeanemonen als Schutz vor Fressfeinden.

Extreme Bindung an die Seeanemone auch beim Anemonenfisch
Auch die berühmten Anemonenfische nutzen die Seeanemonen zur Brutpflege und kleben ihre Eier an Felsen just unterhalb der Anemonen. Dort sind sie perfekt geschützt. Klebende Eier gibt’s auch bei sehr vielen anderen Riffbarschen. So werden die Eier nicht fortgespült. Drückerfische bauen richtige Nester in den Bodengrund, die sie gegen Eindringlinge heftig verteidigen. Die meisten Fische des Korallenriffs treiben es jedoch traditionell: Sie stürmen aus dem Schutz des Korallenriffs in Richtung Wasseroberfläche und stossen dort ihre Geschlechtsprodukte aus, um gleich wieder in den Schutz des Riffes abzutauchen. Die Oberflächenströmungen tragen die befruchteten Eier dann ins offene Meer hinaus.
]]>Es gibt sehr berühmte Symbiosen im Korallenriff, wie diejenige zwischen den nesselnden Seeanemonen und den Clown- oder Anemonenfischen des Indopazifik. Es macht hier also keinen Sinn, im Detail darüber zu berichten, dass der Anemonenfisch unter den schützenden Fangarmen von Seeanemonen lebt, dort eine Kleinfamilie betreibt und Geschlechtswechsel von männlich zu weiblich die Norm ist. Er gewöhnt seinen Körper mit leichten Berührungen an das Gift der Anemone, bis sie ihn für einen ihrer eigenen Fangarme hält. Für den Fisch ist der Nutzen klar: Zwischen den Giftarmen der Koralle ist der Clownfisch sicher vor Fressfeinden. Aber, bezahlt der Fisch auch für die Dienste der Seeanemone? Ja! Er bezahlt für die mit der Symbiose erhaltenen Leistungen, indem er seine Anemone sauber hält vor Sedimenten, die sich ablagern könnten, indem er sie manchmal mit etwas von seiner eigenen Nahrung füttert und sie vor manchen Fressfeinden schützt.
Doch nicht nur das: Wenn sich der Fisch von der Anemone entfernt, halten andere Fische ihn für leichte Beute und greifen an. Er eilt zurück, die Räuber hinterher. Mit der Beute vor ihrem Maul bemerken die Fische nicht, dass sie ihm schon zu weit gefolgt sind. Die Fangarme der Anemone haben bereits zugeschlagen. Der Räuber ist in Sekundenschnelle betäubt und wird von der Anemone verschlungen. Wenn sich die Seeanemone über das Opfer hermacht, fallen auch Stückchen für den Clownfisch ab. So quasi als Dividende im eigentlichen Sinn.

Ähnlich symbiotisch – fast ehelich vertraut – geht es bei den kleinen Knallkrebsen und Wächtergrundeln zu. Beide sind nur etwa vier bis fünf Zentimeter lang. Knallkrebse erzeugen bei Bedarf mit einer der beiden Scheren ein lautes Geräusch, indem sie das bewegliche Scherenglied plötzlich gegen das unbewegliche Scherenglied schnellen lassen. Der entstehende Knall ist erstaunlich laut, und es wird dabei sogar ein Lichtblitz, ein sogenannter Sonolumineszenzblitz ausgesendet!
Solcherlei Gebaren schreckt sogar hartgesottene Räuber ab. Knallkrebse sind begnadete Tunnelbauer. Ihre Wohnhöhlen unter der Sandoberfläche können einen Meter lang werden. Damit die Knallkrebse ungestört graben können, bewacht eine Wächtergrundel den Stolleneingang. Der Krebs hält mit seinen langen Antennen dauernden Körperkontakt mit ihr. Bewegt sich die Grundel, weil sich ein Fressfeind nähert, zischen beide in den Schutz der Höhle ab.

Die Wächter- oder Symbiosegrundel bewacht die gemeinsame Höhle
Knallkrebse sind eifrige Baumeister: immer am buddeln
Stenopus hispidus ist eine Scherengarnele, man nennt sie auch Putzergarnele, die unterhalb der Gezeitenzone in Korallenriffen lebt. Sie wirbt bei vorbeiziehenden Fischen für ihre Dienste, sie wedelt langsam mit langen, weissen Fühlern. Sie verwendet ihre drei ersten Beinpaare, das dritte ist extrem vergrössert, um Parasiten und beschädigtes Gewebe von Fischen zu entfernen. Ihre Arbeit ähnelt dabei stark derjenigen der blau-weiss-schwarz gestreiften Putzerlippfische, die sich ebenfalls von den weggeputzten Parasiten von Fischen ernähren.
Die Scherengarnele ist für einen kleinen Krebs mit einem besonderen Talent ausgestattet: Sie hat die Fähigkeit, Individuen ihrer Art zu erkennen. Dies Merkmal ist bei wirbellosen Tieren sehr ungewöhnlich oder zumindest bisher komplett übersehen worden. Erklärt wird die Fähigkeit durch chemische Signale, die höchstwahrscheinlich individuell erkannt werden können.

Stenopus hispidus - eine von vielen Arten von Putzergarnelen
Es gäbe noch unzählige weitere Symbiosen im Korallenriff. Der nächste Artikel handelt aber von der Fortpflanzung. Das ist doch mindestens so spannend...

Fahnenbarsche im Roten Meer
Alle diejenigen Tiere und Pflanzen, die Kalk für ihr Skelett produzieren, mischen mit am Korallenriff. Das sind die Architekten der steinernen Riffstrukturen. Kalk oder Kalziumkarbonat ist der Hauptbestandteil. Die riffbildenden Meeresorganismen produzieren den Kalk aus im Meerwasser gelösten Kohlenstoffquellen. Kalk hat viele Namen, manchmal ist das etwas verwirrend: Kalkstein, Kreide, Marmor, Kalzit oder Aragonit. Alles ist chemisch fast dasselbe, sie unterscheiden sich jeweils durch verschiedene Kristallstrukturen.
Bei Wassertemperaturen unter 20 °C mögen sie gar nicht mehr leben
Insgesamt kennt man heute etwa 60'000 Organismen, die in den Korallenriffgemeinschaften leben. Eine unglaubliche Artenvielfalt! Vermutlich sind es allerdings weit mehr. Wir gehen davon aus, dass mehr als eine Million Arten in den Korallenriffen leben, die meisten sind aber entweder noch gar nicht entdeckt oder wenn, dann noch nicht wissenschaftlich beschrieben. Es wartet auf die Meeresbiologen also viel Arbeit.

Korallenstöcke sind der perfekte Unterschlupf
Die Korallenriffe der tropischen Zonen machen nur 0,1 Prozent der Ozeanoberfläche aus. Die Gesamtfläche der heutigen Korallenriffe ist mit etwa 600’000 km² fünfzehnmal so gross wie die Schweiz. Das tönt nach wenig. Die verwinkelte Architektur der Riffe macht jedoch aus der bescheidenen Grundfläche ein gigantisches, ultrastrukturiertes Biotop für alle nur erdenklichen Lebensformen. Diese «innere Form» der Riffe ist auch einer der Gründe, wieso ihre Artenvielfalt so extrem ist. Es bieten sich für beliebig viele Tiere und Pflanzen unendlich viele Mikrobiotope an, die bevölkert werden können.

Meerbarben ziehen am Aussenriff entlang
Schaut man sich eine Weltkarte der Korallenriffe an, kommt eine seltsame Verteilung zum Vorschein: 92% der Riffe wachsen im Indopazifik, nur 8% im Atlantik. Davon alle in der Karibik. Das liegt nicht an der Schönheit der Karibischen Inselwelt, sondern an der höchst kapriziösen Natur der Korallen: Bei Wassertemperaturen unter 20 °C mögen sie schon gar nicht mehr leben, seltene Unterschreitungen scheinen ihnen immerhin möglich. Erst wenn die Durchschnittstemperaturen über 22°C liegen, wird’s den Korallen wohl. Aber allzu warm solls dann auch nicht sein. Wird ein Riff längere Zeit wärmer als 30°C, treten oft sogenannte Korallenbleichen und andere Krankheiten auf. So kommts, dass Korallenriffe ungefähr zwischen 30° nördlicher und 30° südlicher Breite wachsen. Aber auch hier gibt es Ausnahmen: An der Westküste Afrikas fliesst im Süden der kalte Benguela-Strom der Küste entlang und lässt – trotz Lage im Tropengürtel – kein Korallenwachstum zu. Genau gleich ist das an der Westküste Südamerikas, dort ist der Humboldtstrom der Spielverderber oder an der Westküste Australiens, wo der Westaustralienstrom das Korallenwachstum hindert. Als Koralle hasst man eben Kälte. Die Steinkorallen brauchen ausserdem einen festen Untergrund im Flachwasser. Meist ist dies ein Küstenstreifen oder ein unterseeischer Vulkan, der bis nah an den Wasserspiegel heran reicht. Je klarer das Wasser, desto mehr Licht können die Korallen verarbeiten und desto schneller wachsen sie. Aber dazu mehr in der nächsten Folge.
]]>Nur in den sonnendurchfluteten Oberflächenschichten des Tropengürtels gedeihen die riffbildenden Steinkorallen. Schauen wir uns die Biologie der Korallen an: Korallen sehen irgendwie pflanzlich aus, sind aber Tiere. Sie leben nur selten allein und bilden meist zweig- oder geweihartige Kolonien, den Korallenstöcken, aus vielen Tausend Einzelindividuen, den Polypen. Die Polypen ernähren sich von Plankton, das sie mit ihren nesselnden Fangarmen erbeuten. Die meisten Steinkorallen leben zudem in enger Symbiose mit einzelligen Algen, sogenannten Zooxanthellen.
Da die Symbionten Photosynthese betreiben, benötigen sie viel Licht. Und genügend Licht ist nur in den Flachwasserbereichen bis maximal 40 Meter Tiefe und in den Tropen vorhanden. Die Zooxanthellen liefern der Koralle ihre Photosyntheseprodukte ab, vorwiegend Kohlehydrate, die aus Kohlendioxid, Licht und Wasser aufgebaut werden. Im Gegenzug erhalten die Zooxanthellen einen sicheren Lebensraum im Körperinneren der Koralle und immer genügend Kohlendioxid aus der Atmung der Koralle. Beide gewinnen aus dem Zusammenleben.
Manche Steinkorallen bestehen bloss aus einem einzigen Polypen, andere aus abertausenden!
Ein weiterer Vorteil ergibt sich für die Koralle, indem der Aufbau ihres kalkigen Skeletts durch die Zooxanthellen erleichtert wird. Korallen mit Zooxanthellen haben eine zehnmal höhere Kalkbildungsrate als Korallen ohne Symbionten. Man liest oft, dass Korallen sehr langsam wachsen. Das stimmt zum Glück nicht. Die meisten Korallen können mehrere Dezimeter pro Jahr an Länge zulegen. Allerdings werden die Riffe gleichzeitig auch ab- und umgebaut, sei es durch Stürme oder Hitzeperioden, durch Parasiten, Fressfeinde, Seebeben, Krankheiten oder Klimawandel. Oder durch andere menschliche Aktivitäten.
Jährlich bilden Steinkorallen 900 Millionen Tonnen Kalziumkarbonat, was einem Konvoi von 22.5 Millionen 40-Tönnern entspricht; ein solcher wäre 370'000 Kilometer lang.
Grosspolypige Korallen jagen oft nach grösserer Beute, die sie aus der Strömung fangen.
Die Polypen sind tagsüber oft zusammengezogenen, denn dann liefern ihnen die Symbionten genügend Nahrung und sie brauchen sich für die Photosynthese nicht zu öffnen. Wer nachts im Riff tauchen geht, sieht eine komplett andere Welt: Nachts ruhen sich die Zooxanthellen aus, dafür strecken die Polypen ihre Tentakel zur Jagd nach Planktontieren aus.
Die Biologie der Korallen ist komplex. Korallen sind oft getrennt geschlechtlich. Sie bilden also männliche oder weibliche Einzeltiere oder Kolonien. Manche Arten bestehen aber auch aus hermaphroditischen Polypen, die sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane besitzen. Im Normalfall stossen männliche wie weibliche Polypen bei der Vermehrung ihre Eier ins freie Wasser aus, die Geschlechtszellen finden sich selbstständig, und aus der befruchteten Eizelle entwickelt sich eine kleine Larve, die nach kurzer Zeit im offenen Meer auf den Meeresboden absinkt und zu einem neuen Korallenstock auswächst. Die Hermaphroditen stossen ihre männlichen und weiblichen Geschlechtsprodukte zu unterschiedlichen Zeiten aus. Sonst wäre eine Selbstbefruchtung möglich.
Die Fangarme einer Steinkoralle können fädig aussehen oder wie hier knollig.
Wenn Stürme einen Korallenstock in Stücke schlagen, dann können die einzelnen Bruchstücke wieder zu vollständigen Korallen regenerieren. Manche Korallen machen auch eine sogenannte Polypenausbürgerung, bei welcher ein einzelner Polyp eine sterbende Kolonie verlässt und auf eigene Faust einen neuen Stock zu bilden versucht. Manche Korallen können sich gar selbst klonieren oder Knospen bilden, die sich später vom Mutterstock – oder ists vielleicht gar ein Vater-, Bruder- oder Schwesterstock? – ablösen. Alles völlig asexuell. Im Extremfall brüten manche Korallenarten sogar ihre Jungklone im Gastralraum – einer Art Magen – aus, bis diese selbstständig sind.
]]>Der Meeresbiologe Thomas Jermann versucht in der Sendung SWR2 Matinee zum Thema Gezeiten Licht ins Dunkel zu bringen und das komplexe Spiel von Ebbe und Flut einfach zu erklären.
Aus der Sendung vom So., 16.7.2023 9:03 Uhr, SWR2 Matinee, SWR2
Urlaub an der Nordsee. Das Wasser kommt, das Wasser geht. Es ist ein beständiger Wechsel der Gezeiten. Doch Gezeiten gibt es nicht nur an der Nordsee. An jedem offenen Meer der Welt kann man sie beobachten. Mancherorts sind es nur wenige Zentimeter, die sich das Wasser bei Ebbe zurückzieht. Mancherorts sind es bis zu 15 Meter. Ist das Wasser erstmal weg, beginnt die Zeit der Entspannung und die Zeit der Entdeckungen. Im Watt zum Beispiel findet man nicht nur tierische Überlebenskünstler, sondern auch Schätze und alte Siedlungen. Es werden Straßen freigelegt und wunderbare Muster im Sand.
Die SWR2 Matinee sitzt heute auf dem Trockenen. Wir wandern durchs Watt und suchen in der Themse nach Schätzen. Wir besuchen die Oper in Sidney, die auf einer Gezeiteninsel gebaut wurde. Und wir machen es wie einst die Tour de France: Wir fahren über die legendäre Gezeitenstraße "Passage du Gois". Und wir forschen nach der allüberall um sich greifenden Ebbe in den Kassen und im Portemonnaie.
Gesprächspartner der Sendung sind der Meeresbiologe Thomas Jermann, der Fotograf Philipp Jakesch und der Grundwasserökologe Hans Jürgen Hahn von der Universität Landau.
Redaktion: Nicole Dantrimont
Musik: Dorothee Riemer
Sendung SWR2 Matinee zum Thema Gezeiten: Hier findet ihr noch weitere Beiträge dieser Sendung:
]]>Stern-Seescheiden oder Stern-Aszidien sind kolonial lebende Manteltiere, die auf Algen, Steinen oder Muschelschalen wachsen. Manteltiere verblüffen mich, sie sind einfach zu exotisch: Sie sind am Untergrund festgewachsen und bewegen sich nie vom Fleck. Man erkennt kein Gehirn, keine Sinnesorgane - Augen oder Ohren sind nicht vorhanden. Auch nichts, was wie eine Nase ausschauen könnte.
Viele Seescheiden leben alleine. Manche leben in Gruppen, in Kolonien. Jede Kolonie besteht aus mehreren Individuen, die man Zooide nennt. Die einzelnen Zooide muss man sich vorstellen wie winzig kleine Salatsiebe mit zwei Öffnungen. Sie sind maximal drei Millimeter gross. Die Zooide saugen planktonhaltiges Wasser durch eine Einströmöffnung an und sieben daraus ihre Nahrung. Das Organ, das dies ermöglicht, ist der sogenannte Kiemendarm. Das Restwasser wird durch eine gemeinschaftliche Öffnung ausgestossen, um die herum die Zooide angeordnet sind. Sie sind perfekte Plankton-Filtrierer!
Stern-Aszidien sind wissenschaftlich gut untersucht. Und wahnsinnig spannend. Sie «klonen» sich häufig selbst, so machen sie perfekte Abbilder ihrer selbst. Die Klone werden seit mehreren Jahrzehnten in Laboren gehalten. Dadurch kennt man sie mittlerweile sehr genau, auch ihr Genom ist vollständig entschlüsselt. Bei der Selbstklonung entwickeln sich immer neue Erwachsene aus «Knospen», die sich aus der Körperwand bestehender Erwachsener bilden. Unglaublich, nicht wahr?
Unter typischen Kulturbedingungen findet diese asexuelle Vermehrung in einem etwa zweiwöchigen Zyklus statt. In der Natur wohl auch, genaueres weiss man aber nicht. Während die neue «Knospe» wächst und beginnt, sich aktiv zu ernähren, bilden sich die ältesten Erwachsenen langsam zurück und werden von der Kolonie wieder absorbiert. Sind die Bedingungen gut, dann wächst die Kolonie schnell und bildet Tochterkolonien. So bilden sich ganze «Blümchenwiesen».
Die Sternaszidien können sich aber auch klassisch durch Sex vermehren. Wobei auch hier wieder ein paar Dinge speziell sind: Die Aszidien sind auf Biologisch «sequenzielle, protogyne Hermaphroditen». Was lediglich bedeutet, dass die Tiere Zwitter sind, mit einem anfänglich weiblichen Stadium, das nach ein paar Tagen zum Männchen wird. Dies verhindert eine Selbstbefruchtung der Eier. Eier und Spermien werden einfach ins offene Wasser ausgestossen. Es entstehen daraus gelblich-weisse bis blassorange Kaulquappenlarven, die einen wichtigen Beweis für ihre Verwandtschaft mit uns Wirbeltieren darstellen.
Richtig gelesen: Seescheiden sind tatsächlich mit uns verwandt! Sie haben zwar keine Wirbelsäule, aber im Larvenstadium – wie wir – eine Chorda oder Rückensaite. Die Chorda dorsalis ist das ursprüngliche Achsenskelett aller Chordatiere, zu denen die Wirbeltiere – Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säuger – und eben auch die Seescheiden gehören. Die Chorda leitet bei uns während der Embryonalentwicklung vor allem die Bildung wichtiger Gewebe ein, danach bildet sie sich bis auf kleine Reste zurück.
Welche Formen- und Farbenpracht! Sternseescheiden gibt’s in allen möglichen Farben und Farbmustern. Obwohl alle so verschieden aussehen, ist es doch nur eine Art. Die Grenzen der einzelnen Kolonien sind deutlich zu erkennen. Jedes «Blümchen» misst etwa fünf Millimeter.

Oft überwachsen die kolonialen Tiere auch grosse Braunalgen, sogenannte Tange. Die bilden einen sicheren, festen Untergrund in der Brandung und beste Bedingungen, um Plankton zu filtrieren.
Jedes «Blümchen» besteht aus fünf bis 12 Individuen, die aus geklonten Vorgängern hervorgegangen sind.

Man sieht die individuellen Einströmöffnungen gut. Im Zentrum des «Blümchens» liegt die gemeinsame Ausströmöffnung.
Es lohnt sich manchmal, Felsbrocken zu wenden. Die Vielfalt an Tieren, die sich darunter vor der Brandung schützen, ist extrem. Aber nicht vergessen: Steine und Felsen der Gezeitenzone haben eine Ober- und eine Unterseite. Bitte wieder zurückwenden!
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Wasser ist dermassen allgegenwärtig, dass es uns gar nicht besonders auffällt. Es regnet oder schneit, ein Fluss zieht ruhig vorüber. Wir trinken ein Glas… Eine Tomate besteht bis zu 98% aus Wasser, wir zu 70%. Je nach Alter schwankt das. Auch bei der Tomate.
97% des Wassers auf der Erde füllen als salziges Meerwasser die Ozeanbecken, lediglich 3% sind Süsswasser, wovon wiederum zwei Drittel als Eis in Gebirgen und Polkappen gebunden sind und ein Drittel unsichtbar im Untergrund steckt. Nur 0.001% des irdischen Wassers gibt’s in der Atmosphäre, als Wolke schwebend, als Regen oder als unsichtbarer Dampf. Oberflächenwasser, das für uns als Trink- und Gebrauchswasser zur Ver-fügung stehen würde, macht nur 0.013% des Wassers aus. Ganz schön wenig, aufs Ganze gerechnet. Da muss man sorgfältig damit umgehen…
Nicht nur auf der Erdoberfläche gibt es Wasser, auch tief im Erdinneren stecken gigantische Wassermassen; jedenfalls hat man vor rund zehn Jahren in rund 660 Kilometern Tiefe mehr Wasser gefunden als in allen Ozeanen zusammen vorkommt! Wer jetzt meint, man könnte das Tiefenwasser anbohren und nutzen, irrt sich: Das tiefste menschengemachte Loch in die Erdkruste reichte bloss zehn Kilometer hinunter. Danach waren Reibung und Hitze zu gross.
Wo das Wasser der Erde herkommt, ist nicht vollständig geklärt. Es gibt aber zwei ziemlich gesicherte Theorien.

Im Meer ist ziemlich viel Wasser vorhanden - mit enormen Energien.
Aber zunächst interessiert uns, wieviel Wasser überhaupt auf der Erde vorhanden ist. Allein in den Ozeanen befinden sich 1.5 Milliarden Kubikkilometer der salzigen Substanz. Ein Kubikkilometer enthält eine Billion Liter; da stehen zwölf Nullen dahinter. Siebzig Prozent der Erde sind mit Meeren bedeckt, und die sind im Schnitt vier Kilometer tief. Würde man das Wasser der Erde in Würfel der Kantenlänge von einem Kilometer aufteilen und nachher stapeln, erhielten wir zehn Türme bis zur Sonne!
Ein Teil unseres Wassers kam wohl bereits in der frühen Geschichte der Erde aus dem Erdinneren an die Oberfläche. Nicht geklärt ist, wie viel Wasser die Erde bereits bei ihrer Entstehung enthielt. Flüssiges Magma enthält einen gewissen Anteil an Wasser. Bei Vulkanausbrüchen kann es ausdampfen und in die Atmosphäre gelangen. Allerdings scheint das Wasser bei heutigen Vulkanausbrüchen meist aus Grundwasserreservoiren zu stammen, die von Magma verdampft wurden. Mit der langsamen Abkühlung der jungen Erde bildete sich eine feste Erdkruste; das Wasser kondensierte und sammelte sich in ersten Ozeanen.
Es dürfte jedoch viel mehr Wasser durch Kometen oder wasserreiche Asteroiden zu uns gelangt sein. Man mag sich kaum vorstellen, wie viele Einschläge von Himmelskörpern nötig waren, um die Ozeane zu füllen! Messungen des Wasserstoffisotopen-Verhältnisses von Deuterium und Protium deuten jedenfalls eindeutig auf Asteroiden hin.
Ein Teil unseres Wassers kam wohl bereits in der frühen Geschichte der Erde aus dem Erdinneren.
Wasser ist ein Stoff der Sonderklasse. Es ist ein Wundermolekül. Ich will nicht esoterisch werden, ich bin Wissenschafter. Aber ich muss zugeben, Wasser hätte das Zeug zum Eso-Star. Man kann es tatsächlich mit Geheimnissen umhüllen… wenn man denn will. Wasser hat so viele abgehobene Eigenschaften, dass es nicht verwundert, wenn man ihm allerlei Hokuspokus andichtet. Allerdings sind esoterische Erklärungen nicht nötig, um dem Wasser auf die Schliche zu kommen. Die Physik und die Chemie schaffen das geradliniger und eindeutiger.

Also mach ich’s kurz: Die im Internet oder in Buchform immer wieder auftauchenden übersinnlichen Kräfte des Wassers konnten wissenschaftlich nie auch nur ansatzweise beschrieben, nachgewiesen oder befriedigend erklärt werden. Schwammig formulierte «energetische Schwingungen» etwa oder die «Levitation», das ist ein postuliertes, sehr geheimnisvolles Erinnerungsvermögen des Wassers, mysteriöse «umstrukturierte Cluster» und «spezielle Energien» etc… gehören in den Bereich der Esoterik und des Aberglaubens. Auch, dass Wasserkristalle uns etwas mitteilen wollen, wie manche Autoren behaupten... Wozu um Himmels Willen sollten sie dies tun?
Bleiben wir also bei den Fakten, und die haben’s eh in sich…
Wasser ist der einzige bekannte Stoff, der natürlicherweise und in grösseren Mengen auf der Erde in allen drei Aggregatszuständen - fest-flüssig-gasförmig - vorkommt. Sogar ohne unser Zutun. Eis an den Polkappen und den Bergen, Wasser in Flüssen und Meeren, Dampf in der Atmosphäre.
Meist ist Wasser eine Flüssigkeit. Das ist unser Glück! Wo wären wir denn, wenn Wasser einen viel tieferen Siedepunkt hätte oder wenn es bis 80°C als Eis vorläge? Ein vielfältiges Leben auf der Erde wäre kaum vorstellbar.
Wasser siedet also zum Glück bei 100 °C und Eis schmilzt bei 0 °C. Wasser erstarrt während der Abkühlung bei 0 °C; es gibt aber Ausnahmen. Kühlt man sauberes Wasser behutsam und ohne Bewegung, kann es auch unter 0 °C noch als Flüssigkeit vorliegen. Es handelt sich dann um «unterkühltes Wasser». Solch hochreines Wasser kann theoretisch bis zu −48 °C flüssig bleiben. Aber nur theoretisch: Die kleinste Verunreinigung oder Erschütterung reicht aus, die Eisbildung schlagartig auszulösen.
Alles hat mit dem besonderen Aufbau des Wassermoleküls, dessen Geometrie und den über Wasserstoffbrücken vernetzte «Molekülklumpen», den Clustern, zu tun. Diese zusätzlichen Bindungen gibt es bei anderen einfachen Molekülen nicht in dieser Form. Die Wasserstoffbrücken müssen aber bei jedem Phasenübergang überwunden werden. Und genau dies ist der Knüller!
Wenn Wasser gefriert, gibt es Energie, die sogenannte Kristallisationswärme, ab. Gefriert 1 Liter Wasser, setzt es die gleiche Energiemenge frei, die man benötigt, um 1 Liter Wasser von 0 Grad auf 80 Grad Celsius zu erhitzen! Analog läufts bei der Verdampfung von Wasser ab: Dazu wird viel Energie verbraucht, was einen kühlenden Effekt hat. Ein Baum kann so mehrere Dutzend Kilowatt Kühlleistung entfalten!
Die aktuelle Definition der Celsius-Skala stimmt nicht mehr ganz mit der früheren überein, wo Schmelz- und Siedepunkt von Wasser genau 0 °C und 100 °C waren. Heute liegt der Schmelzpunkt bei 0,002519 °C und der Siedepunkt bei 99,9839 °C. Das Spaghetti-Wasser kocht also etwas eher. Mir ist das egal.
Ein Mordsspektakel:
Einfach eine Halbliter-Petflasche voll Wasser für eineinhalb Stunden in den Tiefkühler legen. Danach sorgfältig herausnehmen. Das Wasser ist dann mehrere Minusgrade kalt, aber noch immer flüssig. Dann einmal auf den Tisch schlagen und - zack - gefriert die ganze Flasche innert Sekunden!
Schwerelos treiben Wolken über dem Boden. Auch die düsteren Gewitterwolken scheinen federleicht zu sein. Doch Wolken wiegen schwer. Selbst eine hübsche Schönwetterwolke kann tausend Tonnen – das ist das Gewicht von fünf grossen Blauwalen – auf die Waage bringen. Und schweben tut sie doch!
Eine Cumulus-wolke enthält lediglich ein Gramm Wasser pro Kubikmeter. Wenn die Wolke einen Kilometer lang, breit und hoch ist, dann hat sie ein Volumen von einer Milliarde Kubikmeter und wiegt dementsprechend tausend Tonnen. In den Tropen können die Wolken noch viel mehr Wasser speichern, weil dort die Luft viel wärmer. Sie können bis zu sieben Gramm Wasser pro Kubikmeter enthalten. Entsprechend kann es später auch heftiger regnen. Wir kennen ja die enormen Kräfte tropischer Wirbel- und Gewitterstürme.
Wasser ist «abnormal». Es hat eine Dichteanomalie. «Normale» Flüssigkeiten werden beim Übergang von flüssig zu fest dichter, also schwerer pro Volumeneinheit. Nicht so Wasser: Es hat bei 4° Celsius seine höchste Dichte. Eis schwimmt auf 4-grädigem Wasser, kälteres und wärmeres Wasser auch. Ein Liter viergrädiges Wasser wiegt ein Kilo, seine Dichte ist also 1,0 g/ml. Eis hat eine geringere Dichte von 0,92 g/ml. Deshalb schwimmen die Eisberge auch so gut.
Und stehende Süssgewässer frieren deshalb von oben nach unten zu. Wenn das Wasser an der Oberfläche vier Grad kalt wird, sinkt es auf den Gewässergrund. Dort bleibt es bis im Frühling flüssig. So überleben Frösche und Molche auch den kältesten Winter am Grund ihres Teiches. Im Frühjahr und Herbst wälzt sich ein See jeweils automatisch um.
Wasser besteht aus je zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom. Das Wassermolekül ist gewinkelt. Der Winkel, zwischen den beiden Sauerstoff-Wasserstoff-Bindungen beträgt 104,45°. Er weicht also vom idealen Tetraederwinkel von 109,47° ab. Dies wegen des Platzbedarfs der freien Elektronenpaare im Molekül.

Dipolare Wassermoleküle und ihre Wasserstoffbrücken. Bild Wikipedia.
Sauerstoff hat eine höhere Elektronegativität als Wasserstoff. Auf der Seite des Sauerstoffs ist das Molekül folglich negativ und auf der Seite der beiden Wasserstoffatome positiv geladen. Es resultiert ein sogenanntes Dipol, was bedeutet, dass der Schwerpunkt der Ladungen nicht im Zentrum des Moleküls liegt.
Dieser Dipolcharakter der Wassermoleküle wirkt sich auf die Wassereigenschaften gehörig aus: Die Moleküle zeigen starke Anziehungskräfte und neigen dazu, sich durch Wasserstoffbrückenbindung zu Clustern zusammenzulagern. Die Wasserstoffbrücken bestehen nur für Bruchteile von Sekunden, wonach sich die Moleküle wieder mit anderen Wassermolekülen verketten. Diese Vorgänge erzeugen die besonderen Eigenschaften des Wassers.
Das Wassermolekül ist asymmetrisch und weist daher auf seinen beiden Seiten unterschiedliche Ladungen auf (links). Man spricht von einem Dipol. Dadurch verhält es sich anders als andere Substanzen. Eis ist weniger dicht (oben) und schwimmt an der Oberfläche. 4 Grad kaltes Süsssswasser ist am dichtesten (unten) und sinkt in die Tiefe. Warmes Wasser schichtet sich darüber ein (Mitte).
Wasser hat die höchste Wärmekapazität aller festen und flüssigen Stoffe – mit der Ausnahme von Ammoniak. Wasser kann also sehr viel Wärme aufnehmen, bevor es sich in Dampf auflöst. Die Bedeutung der enormen Wärmekapazität erleben wir täglich: Der Golfstrom bringt jederzeit massenhaft Wärme aus den Tropen bis nach Europa. Seine Wärmeenergie entspricht derjenigen von einer Million mittelgrossen Kernkraftwerken!
Meerwasser ist salzig. Man sollte es jedoch nicht einfach als Salzwasser bezeichnen. Das wäre nicht gerecht. Salzwasser braucht man zur Zubereitung von Pasta. Oder zum Auftauen zugefrorener Strassen. Das jedoch, was die Meere so schön salzig macht, ist nicht einfach Kochsalz, sondern eine Mischung aus unzähligen verschiedenen Salzen in einem ganz bestimmten Mengenverhältnis. Wer Meerwasser künstlich herstellen möchte, beispielsweise für ein Meeresaquarium, der benötigt etwa 70 verschiedene chemische Elemente. Die häufigsten sind Natrium, Chlor, Magnesium und Schwefel, es kommen aber auch Schwermetalle wie Eisen, Blei oder Zink natürlicherweise im Meerwasser vor. Sogar Uran und Gold hats drin.
Das Salz des Meeres wird mancherorts aufwändig in Salinen gewonnen.
Bild: Lukas Roth, Riehen
Durchschnittlich hats in jedem Liter Meerwasser etwa 35 Gramm lösliche Salze und Spurenelemente. In einzelnen Meeresregionen variiert der Salzgehalt jedoch erheblich: Die Ostsee hat einen mittleren Salzgehalt von 0,2 bis 2 % (2-20 g/l). Einige Binnenseen haben einen höheren Salzgehalt. So hat das Tote Meer – ein Binnensee ohne Abfluss – einen Salzgehalt von 28 % (280 g/l).
Das Salz, das im Meerwasser gelöst ist senkt den Gefrierpunkt auf −1,9 °C ab. Wenn das Eis entsteht, wird das Salz aber nicht in das Kristallgitter des Eises eingebaut, sondern es bleibt zum Teil im umgebenden Wasser, zum Teil bildet es Soletaschen im Eis. Diese Soletaschen in mehrjährigen, dicken Packeisschollen wandern im Eis nach unten. So süsst das Meereis in den oberen Bereichen aus und weist nur noch einen geringen Salzgehalt auf.
Doch was hat das zur Folge? Unter einem gefrierenden Meeresgebiet sammeln sich nun riesige Mengen von schwerem, salzhaltigen Wasser an und stürzen in die Tiefe. Wo Wasser in die Tiefe abtaucht, muss anderes leichteres Wasser nachfliessen. Es entsteht eine Meeresströmung. Das nennt man auch thermohaline Zirkulation. Und thermohaline Zirkulationen treiben die Strömungen der Weltmeere an, wenigstens zu grossen Teilen.
Wenn die Meeresoberfläche gefriert, blockiert das Meereis den Austausch von Wärme zwischen Ozean und Atmosphäre. Eine dünne Meereisdecke genügt, um den Wärmefluss fast vollständig zu unterbinden. Das Meerwasser unter dem Eis bleibt also einigermassen warm.
Von dem eisfreien Ozean wird ein Grossteil der Wärmestrahlung absorbiert, über dem Meereis hingegen reflektiert. Diese sich selbst verstärkende Rückkopplung beeinflusst die Strahlungsbilanz der Polarregionen und der Erde insgesamt ganz enorm.
Im Meer sind vermutlich etwa 10’000 bis 20'000 Tonnen Gold gelöst. Das tönt nach einem grossen Schatz. In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es deshalb Bestrebungen, das Gold im Meerwasser zu bergen. Das ist allerdings deutlich gescheitert, denn die Goldkonzentration im Meerwasser hat sich als dermassen gering erwiesen, dass sich ein «Abbau» nicht lohnte.
Trotzdem: In einem einzigen Tropfen Meerwasser befinden sich mehr als 2 Millionen Goldatome.
Die Volumenänderung beim Gefrieren und beim Wiederauftauen hat gehöriges Potential. Die Sprengwirkung ist bei der Verwitterung von Gestein einer der wichtigsten Prozesse.
Wasser dehnt sich beim Gefrieren um 9% aus. Deshalb explodiert die Champagnerflasche im Gefrierfach des Kühlschranks!
Der Effekt spielt auch in der Natur eine grosse Rolle. Als Sonderform der Temperaturverwitterung gilt die Frost(sprengungs)verwitterung. Hier wird die Erosion von Gesteinen durch das häufige Auftauen und Wiedergefrieren des sich in den Hohlräumen des Gesteins befindlichen Wassers verursacht. Dadurch wird der Zerfall des Gesteins stark beschleunigt. In Gebieten mit tageszeitlichem Frostwechsel, beispielsweise in den subpolaren Gebieten der Erde und in den Hochgebirgen, ist diese Verwitterungsform für die Gestaltung des Reliefs besonders bedeutsam.

Die Ausdehnung von Wasser bei Abkühlung und insbesondere bei Eisbildung muss auch im Alltag beachtet werden. Die Asphaltschäden, die nach dem Winter sichtbar werden und jährlich Millionen kosten, gehen ebenfalls auf diese Frostverwitterung zurück. Frieren z. B. frei liegende Wasserrohre oder Pumpen ein und befindet sich Wasser in ihnen, so dehnt sich dieses Wasser bei der Bildung von Eis aus und kann die Rohre bzw. Pumpen regelrecht auseinandersprengen. Deshalb ist auch erforderlich, dem Kühlwasser von Pkw Frostschutzmittel beizugeben, weil ansonsten die Möglichkeit besteht, dass die Kühlflüssigkeit einfriert und den Kühler sprengt.
Selbstorganisation ist das Zauberwort. Wassermoleküle binden sich automatisch so aneinander, dass sie möglichst energiearm sind. Sie sind echt sparsam, könnte man meinen. Die einfachste Gitterstruktur für eine Gruppe von Wassermolekülen ist ein Sechseck. Es braucht übrigens mindestens 275 Wassermoleküle, um einen winzigen Wasserkristall zu formen. Und der Vorgang ist so kompliziert, dass ich ihn hier nicht beschreiben kann. Was aber nach dem Entstehen des ersten Minikristalls passiert, ist anschaulich zu erklären: Freie Wassermoleküle docken am Kristall an, zunächst an allen beliebigen Orten mit derselben Wahrscheinlichkeit. Je grösser der Kristall wird, desto rauer wird er. An rauen Stellen mit Nischen und Kerben «siedeln» mehr Wassermoleküle an als an glatten, weil dort die Anzahl von benachbarten Molekülen grösser und damit die Anziehungskraft stärker ist. Dies hat zur Folge, dass nun bevorzugt glatte Flächen entstehen, denn Leerplätze werden schnell aufgefüllt. Es bilden sich sechseckige Platten und Säulen.
Ukichiro Nakaya, beschrieb in den 1930er Jahren in Japan alle möglichen Schneeflockentypen. Er bemerkte, dass die «Bauweise» der Schneekristalle von der Temperatur und der Luftfeuchte abhängt: Bei -2° C entste-hen dünne plattenartige Kristalle, bei -5° C dünne Nadeln, bei -15° C wieder vorwiegend Platten und unter-halb von -25° C bildet sich eine Mischung aus dicken Platten und säulenartigen Formen. Die Wasserdampf-konzentration in der umgebenden Luft bestimmt den Detailreichtum der Kristallform. Bei hoher Feuchte entwickeln sich hülsenartige Kristalle, dünne Eisnadeln oder plattenförmige Kristalle. Verblüffend daran ist, dass nur diese zu den hübschen Schneeflocken heranwachsen können. Niemand weiss bisher, warum das so ist. Man kann also noch forschen!
Damit ein Eiskristall zur Schneeflocke wird, müssen viele Bedingungen erfüllt sein. Vorbeifliegende Wassermoleküle bleiben vor allem an den sechs Ecken des Kristalls hängen. Nun spriessen dort bevorzugt «Äste». Der Vorgang beschleunigt sich selbst, da die Äste immer mehr Moleküle einfangen. An allen sechs Ästen sind die Bedingungen praktisch identisch, weshalb die entstehende Schneeflocke fast perfekt symmetrisch ist. Fertig ist das Wunder der Schneeflocke!
In der Schule habe ich gelernt, dass wir mit Skiern oder Schlittschuhen gehörig Druck auf den eisigen Unter-grund ausüben. In der Folge bildet sich eine feine Wasserschicht, auf der wir gleiten können. Genau, dies ist eine Binsenwahrheit! Leider stimmt sie nicht.
Schlittschuhe funktionieren nicht auf einer Glasscheibe. Auch nicht auf einer nassen Glasscheibe. Aber Rut-schigkeit scheint trotzdem etwas mit Wasser zu tun zu haben, denn auf einem nassen Fliesenboden kann man leicht ausrutschen, auf einem trockenen nicht. Wenn wir Druck auf Eis ausüben, dann schmilzt praktisch nichts. Die Lösung ist viel einfacher: Das Eis unter den Kufen ist bereits geschmolzen, bevor wir Druck ausüben!
Wenn man zwei Eiswürfel aneinander legt, dann gefrieren sie zusammen. Auch wenn kein Druck ausgeübt wird. Warum? Weil sie von einer feinen Wasserschicht umgeben sind, die wir von blossem Auge nicht sehen können.
Stellen wir uns einen einzelnen Eiswürfel vor. In seinem Inneren sind alle Moleküle gitterförmig angeordnet und erstarrt. Jedes Molekül ist auf allen Seiten von anderen Molekülen umgeben. Am Rand des Eiswürfel ist das anders. Da sind die Moleküle nur auf fünf Seiten umlagert, die sechste Seite ist frei. Das bedeutet, dass dort geringere molekulare Bindungen herrschen und das Kristallgitter aufgeweicht ist. An der Grenzschicht gilt deshalb ein viel tieferer Gefrierpunkt als im Inneren. Da bleibt Wasser bis -33°C flüssig! Darunter gefriert es dann aber: Auf Polarexpeditionen hatte man bereits anfangs des 20. Jahrhunderts festgestellt, dass bei grosser Kälte der Schnee «besonders trocken» sei.
Das Phänomen der Oberflächenschmelzen kommt nicht nur bei Eis vor, sondern auch bei anderen Stoffen. Blei überzieht sich bereits ab einer Temperatur von 40 Grad unterhalb seines Schmelzpunkts mit einem flüssigen Film. Weil alltägliche Materialien meist hohe Schmelzpunkte haben (Blei: 327,5 Grad Celsius), weiss das aber kaum jemand.
Viele junge Fische mögen das flache Wasser gleich unterhalb der Gezeitenzone im Ärmelkanal. Hier gibt es viele geschützte Plätze, sei es zwischen den Braunalgenblättern, unter Felsbrocken oder in Höhlen. Nagelrochen-Babys sind ende Sommer häufig hier zu finden. Sie sind soeben aus einer hornigen Eihülle geschlüpft, die ihre Mutter vor Monaten ins Küstengewässer abgelegt hatte und lernen nun das Meer nach und nach kennen. Die knuddligen kleinen Tiere «fliegen» auf ihren Brustflossen, die mit dem Körper zu einer runden Scheibe verwachsen sind, elegant aber noch scheu, durchs Wasser. Ich drehe sie gerne sanft auf den Rücken, dann sehen die Nasenlöcher aus wie Augen in einem Gesicht!
Ein junger Nagelrochen von unten: Die vermeintlichen Augen sind die Nasenlöcher. Man sieht auch die feinen Zähnchen im Maul. Die Kiemenöffnungen machen einen U-förmigen Kranz. Darunter sieht man einen «Knubbel»… das ist der Nabel.
Aber was soll denn das? Nasenlöcher auf der Bauchseite? Das Gesicht des Baby-Rochens sorgt gern für Verwirrung. Alles scheint irgendwie am falschen Ort zu sein. Ich brösel’s mal auf und fange am besten mit dem Maul an.
Das Maul ist eindeutig zu erkennen. Es befindet sich auf der Körperunterseite, wie es sich gehört. Wenn man genauer hinschaut, sieht man hunderte von winzigen Zähnchen. Rochen haben wie die Haie – mit denen sie nah verwandt sind – ein «Revolvergebiss». Sind jeweils die vordersten Zähne abgenutzt, brechen sie einfach weg und von hinten kommt eine neue Reihe Zähne «angerollt». Wie vom Fliessband. Die Zahnform ist von Rochen zu Rochen unterschiedlich. Man braucht die Zähne auch, um die Art der Rochen zu bestimmen. Die meisten Arten haben ein Gebiss, das aussieht wie eine Strassenpflästerung, mit flachen, sehr robusten Zähnen, mit dem man Muscheln knacken oder Garnelen aufbrechen kann. Nicht so beim Nagelrochen: Der frisst Krebse und glitschige kleine Fische; da ist eine rutschfeste, spitze Bezahnung natürlich besser.

Die unzähligen spitzen Zähnchen eines Rochens, eventuell eines Nagelrochens.
Von den Mundwinkeln weg ziehen feine Rinnen zu den Nasenlöchern. Die Rinnen verbinden die Mundhöhle mit den Nasenhöhlen. Das macht ja auch Sinn, denn so kann der Rochen der Nase ständig Wasser zuführen. Die Nasenlöcher liegen weit auseinander; so riecht der Rochen in 3D. Futterquellen werden angepeilt und sofort gefunden.

Pflastersteinförmige Zähne eines anderen Rochens (die Art ist unbekannt)
Rochen sind notorische Bodenbewohner. Da ist ihre Flachheit sehr nützlich. Sie können sich schnell zur Tarnung eingraben und auf Beute lauern. Die Augen ragen leicht über die Körperoberseite hinaus und überprüfen die Tarnung.
Tarnung ist für zweierlei gut: Erstens ist man vor Fressfeinden geschützt, zweitens kann man Beute leichter überraschen.
Ein grosses Problem gibt es jedoch: Wer auf dem Boden liegt und das Atemwasser durch das Maul einsaugen muss – so wie das Fische eben tun – der riskiert, Sand oder Schlamm in die Kiemen zu spülen. «Das muss nicht sein», dachten sich urtümliche Haie und Rochen und erfanden bereits im Erdaltertum das Spiraculum. Auf Deutsch heisst es auch Spritzloch, weil von Fischern gefangene Haie und Rochen in Panik ihr Maul zusammenpressen und dabei durch das Spritzloch Wasser ausstossen.
Ein Nagelrochen-Baby erkundet das flache Wasser in der bretonischen Gezeitenzone. Die vielen Algen bieten ihm in den ersten Monaten guten Schutz.
Das Spiraculum liegt auf der Körperoberseite gerade hinter den Augen. Eigentlich ist es eine Art Schnorchel, denn der Rochen saugt durch das Spiraculum frisches Wasser von der Körperoberseite in seine unten liegenden Kiemen. Es hat sogar ein verschliessbares Ventil. Durch die fünf Kiemenspalten wird das Atemwasser gegen den Boden hin ausgestossen. Das Spiraculum ist übrigens auch bei uns mit neuer Funktion noch vorhanden: Die Eustachi’sche Röhre – Taucher kennen die gut – verbindet den Rachen mit dem Mittelohr. Und sorgt für den so wichtigen Druckausgleich bei tauchenden Menschen. Zum Glück haben’s die Rochen mal erfunden!
Das Spiraculum liegt auf der Körperoberseite gerade hinter den Augen. Eigentlich ist es eine Art Schnorchel.
Die meisten Rochen sind lebendgebärend und bringen jeweils ein paar Junge aufs Mal zur Welt. Die Nagelrochen jedoch legen Eier auf den Meeresgrund. Die Eier sind vergleichsweise riesig und in hornige Hüllen «verpackt», sogenannte Nixentäschchen. Nach mehreren Monaten – je nach Temperatur kann das neun Monate oder länger dauern – schlüpfen die fixfertig entwickelten Jungen aus ihren robusten, aber flexiblen Eikapseln.

Die Eikapsel eines Nagelrochens.
Ein Nagelrochen-Baby erkundet das flache Wasser in der bretonischen Gezeitenzone. Die vielen Algen bieten ihm in den ersten Monaten guten Schutz.
Mais bien sûr! Rochen und Haie teilen sich die Knorpelfischverwandtschaft. Und Knorpelfische haben ausgezeichnete Sinnesorgane. Sie haben nicht nur Augen, Ohren und Nasen so wie wir, hinzu kommen noch Sinnesorgane um Druckschwankungen wahrzunehmen, um elektrische Felder zu messen und um Temperaturunterschiede zu spüren. Sogar die Navigation im Meer mithilfe von Magnetismus-Sensoren beherrschen sie.
Die Lorenzini-Ampullen im Kopf sind für vielerlei gut: Sie erspüren feinste elektrische Spannungsdifferenzen, wie sie beispielsweise von den Muskelbewegungen eines Beutetiers abgestrahlt werden. So können Rochen Spannungsdifferenzen von ±10 Nano-Volt erkennen. Eingegrabene kleine Fische sind so als Beute locker zu orten, auch wenn der Rochen sie mit dem Auge nicht zu sehen kriegt.
Die Lorenzini-Ampullen sind auch ein sehr feines Thermometer, das Unterschiede von 0,2°C wahrnehmen kann.
Ausserdem sind die Lorenzinischen Ampullen für die Orientierung am Erdmagnetfeld wichtig. Haie und Rochen finden sich auf dem gesamten Globus zurecht, denn sie können ihre Position laufend bestimmen, wenn sie magnetische Feldlinien durchschwimmen.
Die Lorenzini Ampullen sind mit dem blossen Auge als dunkle Porenöffnungen am Kopf sichtbar. Sie liegen in und unter der Haut eingebettet als längliche, gelatinöse Röhrchen.
Beschrieben wurden die Ampullen-Organe bereits 1678 durch den florentiner Arzt und Naturforscher Stefano Lorenzini.
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Viel Spass bei Superkräfte der Natur!

Der Ausdruck «Plankton» stammt aus dem Griechischen (πλαγκτόν) und bedeutet soviel wie «das Umherirrende» oder «das Umhergetriebene». Plankton umfasst also alle - meist kleinen bis kleinsten, aber auch grosse - treibenden und/oder schwebenden Lebewesen (sie heissen auch Plankter oder Planktonten), die nicht oder nur beschränkt zu eigenständigen, horizontalen Fortbewegungen befähigt sind; meist können diese aber ihren Aufenthalt in der Vertikalen bestimmen. Sie machen häufig tageszeitliche Wanderungen, zum Beispiel verbringen viele Krebslarven den Tag in der Dunkelheit der Tiefe und wandern nachts in Richtung Wasseroberfläche, um dort zu fressen.
Plankton-Lebewesen treiben in den Weiten des Meeres. Dort gibt es in der Regel keine räumlichen Beschränkungen, keine Felsen, keine Wände. Es ist eine riesige, unstrukturierte blaue Welt aus Wasser. Den freien Wasserkörper im Ozean nennt man auch Pelagial, das offene Meer. Es hat keine äusseren Grenzen, ausser einen Boden - den Meeresgrund - und eine Decke - den Meeresspiegel. Darin lässt es sich gut umhertreiben...
Es gibt auch riesiges Zooplankton im Meer, wie die Portugiesische Galeere (Physalia physalis), eine Staatsqualle mit mehr als 20 Metern Länge oder die kettenbildenden Salpen (Salpida) und Feuerwalzen (Pyrosoma), beides weitläufig mit uns verwandte Manteltiere. Die Grösse eines Meerestieres spielt also keine Rolle, ob es als «Plankton» bezeichnet wird. Beim Phytoplankton, das aus pflanzlichen Lebewesen besteht, ist das genauso, es gibt mikroskopisch kleine und mehrere Meter lange Meerespflanzen.
Dactylometra quinquecirrha, eine Schirmqualle aus dem Pazifik
Das Meer ist ein riesiges Gewässer. Es steht nicht still, sondern wird von Strömungen durchzogen und umgewälzt. Die Meeresströmungen transportieren nicht nur Wasser oder Energie in die entlegensten Winkel der Ozeane, sondern auch Milliarden von Lebewesen.
In einem Liter Meerwasser kann man rund 20'000 verschiedene Mikroorganismen ausmachen!
Sie machen sich die Meeresströmungen zu Nutze, um neue Siedlungsgebiete zu erreichen oder um ihrer Nahrung zu folgen.
Die meisten Meereslebewesen verbringen ihr Leben auf dem Meeresboden, sei es an Küsten, im Flachwasser, in Korallenriffen, an Küsten oder in der Tiefsee. Wer festgewachsen ist, kann sich aber nur schlecht weiterverbreiten. Das Prinzip des Planktons bringt hier Abhilfe: Festsitzende Tiere und Pflanzen des Meeres stossen ihre Geschlechtsprodukte - Eier, Spermien, Gameten aller Art oder auch junge Larven direkt ins Meer aus. Das Meer transportiert sie ab. Auf dem Weg entwickeln sich die Larven als treibende Individuen. Die Strömung bringt sie an ferne Orte. Ob diese als «Wohnort» für den Rest des Lebens geeignet sind, ist jeweils Zufall. Die Sterberate der Planktonten ist enorm. Die meisten werden von anderen Planktonten gefressen oder «landen» an der falschen Stelle.
Eine Brutpflege ist im Meer rar, nur die schiere Menge an Nachkommen sichert die Bestände. So gibt ein Mondfischweibchen bis zu 300 Millionen Eier pro Laichgang ab! Da ist ein Steinbutt mit rund 500'000 Eiern schon schön bescheiden. Von dieser Menge an Eiern müssen nur zwei bis zur Geschlechtsreife überleben - eines, um die Mutter und eines um den Vater zu ersetzen...

Planktonische Larve eines Mondfisches Mola mola. Bild: Virginia Institute of Marine Science
Mondfisch Mola mola
Die Besiedelung der Gezeitenzone geschieht nicht, indem erwachsene Tiere an einen Strand wandern, sondern über deren juvenile Larven, die als Plankton mit den Meeresströmungen herangetragen werden. Seepocke, Miesmuschel, Strandkrabbe, Auster, Wattwurm, Schleimfisch oder Strandgrundel; sie alle durchlaufen als "Kinder" ein Larvenstadium als Planktonten und "stranden" früher oder später in einer geeigneten Gezeitenzone. Wenn sie vorher nicht schon gefressen wurden.
Aber es gibt Ausnahmen: Die Pferdeaktinie Actinia equina produziert fixfertige Jungtiere (kein Larvenstadium), der Polsterstern Asterina gibbosa brütet die Jungen unter Steinen des Litorals aus, bei der Nordischen Purpurschnecke Nucella lapillus schlüpfen fixfertige Junge aus an den Felsen festgeklebten Eiern. Und Schleimfische brüten in engen Felsspalten an der Luft!
Auch die festsitzenden Seepocken der Bretagne durchlaufen zunächst ein Stadium als Planktontier (die bräunlichen Spindeln sind die Cyprislarven der Seepocken).
Man kann das Plankton in mehrere Kategorien aufteilen. Handelt es sich um tierische Lebewesen, sprechen wir vom Zooplankton, besteht das Plankton aus "Algen", dann bezeichnet man es als Phytoplankton. Und Bacterioplankton haben wir vor uns, wenn es aus Bakterien besteht.
Megaplankton | >5 mm | Grosse Quallen, Staatsquallen, Salpen |
Makroplankton | 1–5 mm | Krill, Pfeilwürmer |
Mesoplankton | 500–1000 μm | Copepoden, Larven, Hydromedusen |
Mikroplankton | 50–500 μm | Ciliaten, Diatomeen, Dinoflagellaten |
Nanoplankton | 5–50 μm | Kleine phototrophische Flagellaten |
Ultraplankton | <5 μm | Bakterien, Cyanophyten |
Picoplankton | 0,2–2 μm | Bakterien, Cyanophyten |
Femtoplankton | 0,02–0,2 μm | Viren |
Planktonlebewesen sind so gebaut, dass sie mit der Dichte und der Zähigkeit des Wassers zurecht kommen. Sie sollen nicht unkontrolliert in die Tiefe sinken, denn dort gibt es weder Licht noch Nahrung. Ihre Dichte ist allerdings immer leicht grösser als 1.024g/cm3, die Planktonten sinken im Wasser ganz langsam ab. Sie widerstehen dem Absinken durch Aufwärtsbewegungen. Nach dem Stokesschen Gesetz sinken kleine Körper aber langsamer ab als grössere gleicher Form.
Um nicht in ökologisch ungünstige Tiefen abzusinken, verringern die Planktonten die Sinkgeschwindigkeit: Entweder sie sind sehr klein, oder sie sind abgeflacht oder starkt gestreckt, haben lange Borsten und/oder andere spezielle Schwebefortsätze. Manchmal verhindern sie das Absinken auch durch Bänder- und Kettenbildung von aneinandergelagerter Individuen.
Manche Meerestiere vermindern ihr Übergewicht durch Einlagerung von Luft oder Gasen, Fetten oder Ölen, durch Kalkreduktion in Skeletten, Schalenrückbildungen, Aufbau von Gallerten, Erhöhung des Wassergehalts oder Austausch schwerer gegen leichte Ionen.
Transparenz ist eine Schutztracht; Planktonten sind oft nur schwer im Blau des Meeres zu sehen, wenn ihr Körper durchsichtig oder zumindest farblos ist.
Einige Algen und viele Zooplankter führen Vertikalwanderungen durch, die von Licht und Temperatur ausgelöst werden. Es gibt tagesperiodische Wanderungen und altersabhängige Wanderungen, wie z.B. viele Ruderfusskrebse (Copepoda), die als Jungtiere in den Oberflächenschichten, adult aber in grösseren Tiefen leben.
Die Gründe für die Tag-Nacht-Wanderungen, bei denen viele Arten in der Abenddämmerung zur Oberfläche wandern und in den Morgenstunden mit zunehmendem Licht wieder absinken, sind nicht immer ganz klar. Einige Arten können offenbar ein Übermass an Licht nicht vertragen, andere meiden bei Tag aktive Räuber. Phytoplanktonfresser nehmen nachts an der Oberfläche Nahrung auf und reichern am Tag durch ihre Stoffwechselausscheidungen tiefere Wasserschichten mit Nährstoffen an. Da die Oberflächen- und Tiefenströme ungleich verlaufen, gelangen die Tiere in der nächsten Nacht selten oder nie in den gleichen Wasserkörper. Dadurch wird die Ausbreitung einer Art gefördert.
Die Mehrzahl der Meerestiere produziert planktonische Larven, die für Wochen oder Monate als Plankton im Meer treiben. Es gibt einen nicht-obligaten Zusammenhang zwischen Eigrösse und Lebenszyklus: Arten mit Eiern, die kleiner sind als 150-180 Mikrometer zeigen in der Regel eine planktonische Larvenphase.
Viele benthische Arten (Arten des Meeresgrundes) zeigen einen zweiteiligen Lebenszyklus mit pelagischem Larvenstadium und mit morphologisch grossen Unterschieden zum Erwachsenenstadium.
Eine einzelne Amerikanische Auster (Crassostrea viginica) verbreitet 15-115 Millionen Eier. Der Seestern Asterias rubens entlässt pro Saison 2.5 Millionen Eier oder 200 Millionen Spermatozoen.
Die Befruchtungsrate der küstennahen Benthosbewohner ist aufgrund ausgeklügelten Verhaltens (vor allem gute zeitliche und räumliche Synchronisation der Sexualität) erstaunlich hoch.
Die Mortalität des Meroplanktons ist jedoch ebenfalls sehr hoch: Falsches Futterangebot, Temperatur, Transport ins offene Meer, Unfähigkeit ein passendes Siedelungsgebiet zu finden oder Prädation sind die häufigsten Todesursachen.
Die Prädation ist wohl der grösste Sterblichkeits-Faktor. Planktonische Prädatoren gibt es nämlich unzählige: Quallen, Krebs- und andere Wirbellosenlarven, Fische und Fischlarven, benthische Prädatoren. Hier spielen vor allem grosse Ansammlungen von Filtrierern wie Muschelbänke, Korallenriffe, Seescheiden oder Seepocken eine grosse Rolle. Eine einzige Miesmuschel kann 100’000 Larven aus dem Wasser filtrieren. Täglich.
Arten, deren gesamtes Leben - von der Eizelle bis zum geschlechtsreifen Individuum - sich planktonisch vollzieht, gibt es nicht sehr viele. Vor allem sind dies die einzelligen Kieselalgen, Radiolarien, Dinoflagellaten und Foraminiferen, aber auch Flohkrebse (Amphipoden), Krill, Ruderfusskrebse (Copepoden) und Salpen sowie Pfeilwürmer (Chaetognatha), Salpen (Thaliacea) und ganz wenige Arten von Hochseeschnecken.
Die meisten Organismen des Planktons werden von Zooplankton gefressen, von tierischem Plankton also. Es gibt aber auch grosse Organismen im Meer, die sich direkt am Plankton bedienen: Bartenwale fressen in riesigen Schwärmen lebende Garnelen, den Krill, Quallen ernähren sich von Zooplankton. Auch viele festsitzende Lebewesen wie Korallen oder Schwämme leben von Plankton. So steht Plankton oft am Anfang der Nahrungskette.
Wenn Planktonorganismen nicht gefressen werden, sondern sterben, sinken sie aufgrund ihrer leicht höheren Dichte (bezogen aufs Meerwasser) dem Meeresgrund entgegen. Man nennt dies auch Marine Snow. Damit gelangt viel Kohlenstoff auf den Meeresgrund, wo er für lange Zeit lagert und nicht mehr als CO2 in die Atmosphäre gelangen kann. Für den Klimawandel ist dieser Prozess enorm wichtig.
Die Meeresströmung, die rund um die Antarktis führt (die antarktische Zirkumpolarströmung) hält die Kälte im Südpolarmeer zurück. Deshalb ist die Antarktis dermassen kalt (max -89°C). Meeresvögel wie der Schwarzbrauenalbatros profitieren von der nährstoff- und fischreichen kalten Strömung.
Das Meer wirkt auf den ersten Blick wie ein stehendes Gewässer. Manchmal mit grossen Wellen zwar... aber eigentlich wie ein riesiger See. Weit gefehlt: «Das Meer ist ein Fliessgewässer!», schärfte uns unser Professor, der die Einführungskurse in Meeresbiologie hielt, immer wieder ein. Wie recht er hatte, wurde mir bereits beim ersten Tauchgang 1984 vor der Insel Elba klar. Ich tauchte ab und … war schon weggespült. Ich musste mich am Meeresboden mühsam mit den Händen über Felsen und Steine zurück in Richtung Boot ziehen.
Das Meer ist ein Fliessgewässer. Das bedeutet mehr als nur mühsame Tauchgänge. Es erklärt das Wesen des Meeres.
Wir können fünf Ozeane unterscheiden: Atlantik, Pazifik, Indik, Nordpolarmeer und Südpolarmeer. Meeresströmungen durchziehen alle Ozeane und verbinden sie untereinander. Man könnte deshalb auch sagen: «Es gibt nur einen Ozean», denn die Wassermassen der Ozeane sind genauso wenig voneinander getrennt wie viele ihrer Bewohner.

Die grossen Meeresströmungen. Aus: Meyers Konversations-Lexikon, 1885–1890, Artikel „Meer“
Meeresströmungen muss man als globale Zirkulation betrachten. Es gibt Strömungen an der Oberfläche und solche in der Tiefe. Natürlich bewegen sich die Wassermassen auch in den Mittellagen, aber weniger stark.
Strömungen im Ozean können sich kreuzen, ohne sich gegenseitig zu bremsen, wenn sie auf unterschiedlichen Etagen fliessen. Manchmal kollidieren sie und drängen sich gegenseitig ab. So werden Fliessrichtungen ganzer Ströme verändert: Der Labradorstrom drängt den noch jungen Golfstrom von der amerikanischen Ostküste weg in Richtung Europa. Zum Glück, denn sonst hätten wir in der Schweiz ein Klima wie in Kanada (siehe unten bei «Golfstrom»).
Strömungen werden zwar auch durch Gezeiten, Wellen oder Tsunamis erzeugt, die wichtigsten Ursachen der Meeresströmungen sind aber andere Prozesse.
Der Wind reibt an der Wasseroberfläche und bringt sie in Bewegung, er zieht die Wasserteilchen der Oberfläche mit sich. Mit zunehmender Tiefe nimmt die Strömungsgeschwindigkeit im Wasser ab, an der Oberfläche strömen windgetriebene Strömungen am schnellsten. Die Oberflächenströmungen, die durch Wind entstanden sind, heissen Driftströmungen. Sie beeinflussen die Wasserschichten bis in etwa 200 Meter Tiefe. Meist verlaufen diese annähernd parallel zu den Rändern der Kontinente, den Küstenlinien.
Was machen diese Pinguine im heissen Südafrika? Das Wasser an diesem Strand in der Nähe von Kapstadt ist eiskalt. Der kalte Benguelastrom zieht - von der Antarktis kommend - an Südafrikas Westküste vorbei. Und bringt riesige Fisch- und Krillschwärme.
Die meisten grossräumigen Meeresströmungen werden von globalen Windsystemen wie Passaten, Monsunen und der Westwinddrift angetrieben.
Was vom Wind an der Oberfläche weggedrückt wird, muss durch andere Wassermassen wieder ausgeglichen werden. Driftströme erzeugen also immer auch eine Sogwirkung - es entstehen Kompensationsströme. Dadurch steigt mancherorts kaltes Tiefenwasser an die Oberfläche – dies ist das sogenannte Upwelling.
Bedeutungsvoller als die Driftströme sind jedoch Strömungen, die durch Dichteunterschiede zwischen einzelnen Wasserschichten entstehen. Dichteunterschiede entstehen bei Temperaturgefällen oder bei Gefällen des Salzgehaltes der einzelnen Wasserkörper. Wenn etwa das warme Wasser des Golfstroms an Europa vorbei in Richtung Island und Grönland zieht, dann wird es laufend kühler. Dadurch nimmt seine Dichte zu, und es sinkt schliesslich vor Grönland in die Tiefe. In gewaltigen Massen. Danach strömt es auf dem Meeresgrund zurück zum Äquator und darüber hinaus zur Antarktis. Wo aber riesige Wassermassen in der Tiefe verschwinden, entsteht eine Lücke. Es wird Wasser nachgesogen. Gradientströme sind gigantische Wasserpumpen.
Ein anderer Motor ist die «thermohaline Zirkulation» unter dem Meereis. Wenn Meerwasser gefriert, entsteht - salzhaltiges - Meereis. Dieses enthält aber etwas weniger Salz als das umgebende Meerwasser. Warum das denn nun?
Das salzige Wasser «weigert» sich förmlich zu gefrieren. Der Gefrierpunkt von durchschnittlich salzigem Meerwasser (3.5% Salzgehalt) liegt bei -1.8°C. Es bilden sich im entstehenden Eis sehr salzhaltige «Soletaschen». Je schneller das Meerwasser gefriert, desto mehr Salz bleibt im Eis zurück, je langsamer das Meerwasser gefriert, desto süsser wird es. Die schwere Salzsole wandert zudem mit der Zeit durch die Eisdecke nach unten und erzeugt unter dem Meereis eine starke Abwärtsbewegung des Wassers. Es entsteht eine thermohaline Zirkulation (thermo: Temperatur, haline: Salz, salzig). Wo grosse Meeresgebiete zufrieren, stürzen darunter gewaltige, schwere und sehr salzige Wassermassen in die Tiefe und erzeugen weitreichende Strömungen.

Bild: NASA. Der Golfstrom zieht an der US-Ostküste nach Norden, vor Kanada dreht er nach Europa ab.
Kalte Meeresströmungen transportieren kälteres Wasser durch warmes Umgebungswasser,
Beispiele:
Warme Meeresströmungen transportieren wärmeres Wasser durch kaltes Umgebungswasser
Beispiele:
Manche Meeresströme beeinflussen das Klima nicht nur regional sondern global, wie der Golfstrom.
Der Golfstrom ist Teil eines riesigen Stromrings im Atlantik und besteht aus Portugal-, Kanaren-, Nordäquatorial-, Antillen-, Florida- und Nordostatlantischem Strom.
Dermassen viel Wasser enthält auch sehr viel Energie. Im Golf von Mexiko und der Karibik wurde das Wasser durch die Sonne stark erwärmt. Wenn es Richtung Europa driftet transportiert es etwa 1,5 Petawatt (das ist eine Zahl mit 15 Nullen). Diese Energie entspricht der elektrischen Leistung von ungefähr einer Million der grössten Kernkraftwerksblöcke!
Die im Golfstrom transportierte Energiemenge entspricht der Leistung von einer Million Kernkraftwerksblöcken!
In Europa kühlt sich der Golfstrom langsam ab und wird zum Nordatlantikstrom. Die nun kühlen Wasser sinken vor Grönland in die Tiefe und ziehen in der Mitte des Atlantiks Richtung Antarktis.
Der Ausdruck «Golfstrom» wurde von Benjamin Franklin geprägt, der vor und während der Gründung der USA mehrmals nach Frankreich segelte und dabei - ganz beiläufig - die Meeresströmungen als Erster ganz genau unter die Lupe nahm.
Warum drehen sich die grossen Strömungen der Nordhalbkugel nach rechts - im Uhrzeigersinn - und die Strömungen der südlichen Meere nach links?
Verantwortlich für das seltsame Phänomen ist die Corioliskraft, die auf das frei bewegliche Wasser einwirkt. Sie beruht auf der Tatsache, dass das Wasser der Ozeane und der feste Körper der Erde praktisch gleich schnell rotieren. Logisch.
Die Bahngeschwindigkeit eines Wasserteilchens am Nordpol ist aber theoretisch 0 km/h, es dreht sich nur um sich selbst und legt keine Distanz zurück. Dasselbe Wasserteilchen hätte am Äquator eine rasend schnelle Bahngeschwindigkeit von rund 1670 Km/h, in Basel immerhin noch etwa 1200 Km/h. Wir sind also alle ganz schön schnell unterwegs! Strömt nun Wasser von Norden Richtung Äquator, wird es - da es ja zu Beginn am Pol eine tiefe Bahngeschwindigkeit hat - von der sich darunter drehenden Erde überholt. Die Erde dreht sich von West nach Ost, von oben betrachtet gegen den Uhrzeigersinn. Auch wenn das Wasserteilchen genau geradeaus nach Süden fliessen würde, vollführte es bezogen auf den Meeresboden trotzdem eine bogenförmige Bahn. Und diese dreht nach rechts. Auf der Südhalbkugel führt dies zu einer Linksdrehung. Diese Bogenbahn ist das Resultat der Coriolisbeschleunigung.
Zuallerletzt: Mit dem Drehsinn des Wirbels in der Badewanne hat das Ganze aber wirklich nichts zu tun. Dort regiert noch immer der Zufall, und nicht die Corioliskraft.
In die Tiefsee gelangt kein Sonnenstrahl. Dafür herrschen extreme Drucke von bis zu 1100 Kilogramm pro Quadratzentimeter. Und die Tiefsee ist mit meist -1 bis +4 Grad Celsius sehr kalt. In Teil 1 des Tiefseeartikels erfährst du noch mehr dazu.
Hier erfährst du nun, wie die genialen Tiere der Tiefsee mit der Dunkelheit, der Nahrungsknappheit, der Kälte und dem gewaltigen Umgebungsdruck in der Tiefe leben und umgehen. Tiefseetiere haben bemerkenswerte Anpassungen an ihre Umwelt hervorgebracht. Die einzelnen Merkmale sind bei nicht miteinander verwandten Tierarten unabhängig voneinander mehrmals entstanden. Dies nennt man «Konvergenz von Merkmalen».
Die allermeisten Arten der Tiefe werden weniger als dreissig Zentimeter lang. Vermutlich hat dies mit dem Nahrungsangebot in der Tiefsee zu tun. Da kein Sonnenlicht in die Tiefsee vordringen kann, findet in der Tiefsee auch keine durch Photosynthese ermöglichte Produktion von Nährstoffen statt; die Tiefsee lebt vom Überfluss der höher gelegenen Schichten.
Konstant rieseln sterbende oder tote Organismen durch die kilometerhohen Schichten des Meeres in Richtung Meeresgrund. Dieser «Meeresschnee» aus einzelligen Mikroorganismen, Schnecken-, Krebs- oder Fischlarven oder sogar Leichen von grossen Tieren stellt den Grossteil der Nahrung für die Tiefseetiere dar.
Die Tiefsee lebt vom Überfluss der höher gelegenen Schichten
Zum Glück ist das Wasser der Tiefsee dermassen kalt: Der Stoffwechsel der Tiere ist dadurch verlangsamt, und ihr Energiebedarf gering. Trotzdem: Für grosse Tiere der Tiefe hat es wohl selten genug Nahrung. Kleine, wendige Fische sind da im Vorteil. Sie schnappen sich die kleinen vorbeisinkenden Teilchen. Die Dichte grösserer Tiere ist generell sehr klein.
Viele Fische der Tiefsee haben keine Schwimmblase. Und dies aus gutem Grund: Gasgefüllte Organe werden von den gewaltigen Drücken zusammengepresst. Macht der Fische vertikale Wanderungen – steigt er zum Beispiel nachts in Richtung Meeresoberfläche auf, um zu fressen – würde er Gefahr laufen zu zerplatzen, weil sich die Schwimmblase bei abnehmendem Druck allzu schnell ausdehnen würde.
In 8178 Metern Tiefe wurde 2014 ein einzelner Fisch aus der Familie der Scheibenbäuche (Liparidae) gesichtet und gefilmt (siehe Link). Dies ist die Rekordtiefe für die Beobachtung von Fischen.
Es gibt für Fische eine theoretisch denkbare Maximaltiefe. Darunter ist ein Überleben sehr unwahrscheinlich. Diese Grenztiefe hängt von der Konzentration einer Substanz in den Fischzellen ab: Trimethylamin-N-oxid (TMAO), ein Aminoxid, sorgt dafür, dass die Proteine in den Zellen von Fischen und anderen Tiefseebewohnern unter dem gewaltigen Druck nicht zerstört werden. Je tiefer ein Fisch sinkt, desto höher wird sein TMAO-Gehalt in den Zellen. Ab einer gewissen Konzentration von TMAO wird die Muskelaktivität jedoch eingeschränkt und der Fisch würde ersticken. Ausserdem würden sich osmotische Probleme einstellen, ein Zerplatzen des Körpers wäre die Folge.
Abgesehen vom Tiefseeboden ist die Tiefsee völlig strukturfrei. Es gibt keine Verstecke, keine Schlafplätze und keine Laichgründe. Die Tiere schweben einfach in der strukturlosen Dunkelheit. Ein Fisch, der eine auffällige Musterung hätte, würde im fahlen Licht der Leuchtorgane der Tiefseetiere schnell in der Dunkelheit auffallen. Es wäre in jedem Fall besser, wenn sein Körper das bläuliche Schimmern nicht reflektieren würde. Sehr viele Tiere der Tiefsee sind deswegen fast völlig transparent, vielleicht mit Ausnahme ihrer Eingeweide (siehe unten, «Verdunkelungstaktiker»). Quallen, Salpen, Tiefseefische, Schnecken und die Larven der allermeisten Meerestiere sind völlig transparent, um nicht aufzufallen. Die Transparenz ist übrigens in den meisten fällen energieaufwändig, sie ist also nicht einfach vorhanden: Stirbt ein transparenter Fisch, stirbt auch seine Tarnung und sein Körper wird weiss!
Viele Tiefseefische haben besonders grosse Augendurchmesser. Der Vorteil liegt auf der Hand: Wie bei einer teuren Fotooptik hängt auch beim Auge die Lichtstärke vom Durchmesser der Pupille und der Linse ab. Je grösser die Pupille, desto mehr Licht kann ins Auge dringen. Die Tiefsee ist zwar duster aber nicht komplett dunkel. Zwar dringt das Sonnenlicht nur wenige hundert Meter tief ins Meer ein, die Biolumineszenz (siehe unten) der Tiefseeorganismen jedoch ist gut sichtbar.
Schwarzer Degenfisch Aphanopus carbo, Madeira
Manche Fischarten jedoch verzichten komplett auf Augen. Diese wurden im Verlauf der Jahrmillionen von der Evolution «wegentwickelt». Da Fische sich auch ohne Augen mithilfe ihres Seitenlinienorgans – eine Art hyperpräzises Hörsystem – bestens orientieren können, scheint dieser Verlust verkraftbar.
Der Glaskopffisch Macropinna microstoma hat extrem lichtempfindliche Augen, die sich innerhalb eines transparenten, flüssigkeitsgefüllten Schildes auf dem Kopf drehen können. Die röhrenförmigen Augen des Fisches werden von leuchtend grünen Linsen bedeckt. Die Augen zeigen nach oben, wenn der Fisch über Kopf nach Nahrung sucht. Sie zeigen nach vorne, wenn der Fisch frisst. Die beiden Flecken über dem Maul des Fisches sind zu menschlichen Nasenlöchern analoge Riechorgane.

Glaskopffisch Macropinna microstoma. Bild: Monterey Bay Aquarium and Research Institute
Die Tiefsee ist dünn besiedelt, denn das Nahrungsangebot ist klein. Wer sich dort fortpflanzen will, muss oft eine lange Suche nach Geschlechtspartnern antreten.
Nicht so der Tiefseeanglerfisch (Ceratioidei, Lophiiformes): Bei ihm sehen Männchen und Weibchen extrem unterschiedlich aus, sie haben also einen sogenannten starken Sexualdimorphismus.
Das Männchen ist winzig und erreicht lediglich fünf bis zehn Prozent der Grösse des Weibchens.
Ausserdem ist das «Zwergmännchen» alleine nicht überlebensfähig, es lebt fest verankert auf dem Weibchen und verwächst mit dessen Haut und Blutkreislauf! Zwei Auswüchse des Ober- und Unterkiefers des Männchens dienen dabei als Festhalteorgan. Die Männchen fressen selbst nichts mehr. Sie werden - ähnlich wie Embryonen in der Gebärmutter der Säugetiere - durch den Blutkreislauf des Weibchens ernährt. Angewachsene Zwergmännchen legen noch einmal etwas an Grösse zu, bevor sie mit den Weibchen laichen. Sie sterben mit dem Tod der Weibchen ebenfalls.

Tiefseeangler, Bild: Monterey Bay Aquarium and Research Institute
Manche Lebewesen können Licht produzieren. Besonders bekannt sind unsere Leuchtkäfer, die durch die Oxidation von Luciferinen (wie D-Luciferin) Licht freisetzen. Bei einigen wenigen Tierarten gibt es primäres Leuchten, das heisst das Tier selbst produziert das Licht (Leuchtkäfer, manche Quallenarten). Bei Wirbeltieren wie Fischen gibt es nur sekundäres Leuchten, das heisst, das Licht wird von symbiotischen Organismen erzeugt, die meist in speziellen Leuchtorganen «produziert» werden. Solche primär leuchtenden Organismen sind entweder Einzeller oder Bakterien. Viele Fische haben entlang ihrer Flanken ganze Reihen von Leuchtorganen, in denen Bakterien Licht erzeugen.
In der Dunkelheit lässt sich mit Licht viel anstellen. Tiefseefische locken damit zum Beispiel Garnelen oder andere Fische an, um sie zu fressen (siehe Tiefseeangler mit Lämpli...). Oft setzen die Fische das Licht ihrer Leuchtorgane aber zur Kommunikation ein. Laternenfische blinken sich je nach Laune unterschiedliche Signale zu. Männchen und Weibchen blinken zudem unterschiedlich: Das Leuchten kann also auch im Dienst der Fortpflanzung stehen. Es kann allerdings auch abschrecken: Manche Garnelen schleudern ihren Angreifern zur Abschreckung eine aufblitzende Wasserwolke entgegen.
Ein ganz spezielles Leuchtorgan sitzt beim Tiefseeanglerfisch auf einer Art Angelrute: Der vorderste Strahl der Rückenflosse ist einzeln beweglich und ausgesprochen lang. Er wird vom Anglerfisch über seinem riesigen Maul hin- und her gewedelt. Am Ende dieser «Rute» befindet sich ein Leuchtorgan. Für einen kleinen Raubfisch der Tiefsee sieht das sich seltsam bewegende Licht aus, wie ein sterbender Fisch, der nur darauf wartet, gefressen zu werden. Ein tödlicher Irrtum.
Meist findet man ein einzelnes angewachsenes Zwergmännchen pro Weibchen, es können bei manchen Arten aber auch mehrere sein. Der Rekord liegt heute bei acht Zwergmännchen an einem einzigen Weibchen.
Eidechsenfische der Familie Giganturidae (ich glaube dafür gibt es noch keine deutsche Bezeichnung) gehen auf Nummer sicher: Sie jagen kleinere Tiefseefische. Dabei befinden sich immer auch solche, die Leuchtorgane besitzen und deshalb Licht aussenden. Genau dies ist für einen Tiefsee-Raubfisch heikel. Ein leuchtender Fisch im Magen ist im Dunkel der Tiefsee durch die Körperwand hindurch noch sichtbar. Bei den Tiefsee-Eidechsenfischen ist das Problem elegant gelöst: die nur 15 bis 20 Zentimeter langen Fische sind innen komplett schwarz! Ihr Maul und die Leibeshöhle sind innen dunkel verspiegelt, um die Leuchtorgane von gefressenen Beutefischen abzudunkeln.
Bei knappem und erst noch seltenem Nahrungsangebot ist Erfindergeist gefragt. Manche Tiefseefisch haben extrem dehnbare Mägen, sodass die Beute grösser sein kann als der Jäger. Der Pelikanaal (Eurypharynx pelecanoides) hat ein Maul, das so breit ist wie ein Viertel seiner Körperlänge und der Schlinger (Saccopharynx lavenbergi) ähnelt eher einem Staubsaugerbeutel als einem Fisch, derart weit kann sein Magen ausgedehnt werden.
Die Sehkraft der Netzhaut im Auge ist bei vielen Tiefseefischen im Vergleich zu Arten der Oberfläche stark erhöht. Diese Supervision kommt durch eine aussergewöhnliche Zunahme der Gene für spezielle Netzhautproteine – sogenannten Stäbchen-Opsinen – zustande. Es ist sogar denkbar, dass die Tiefseefische trotz der grossen Dunkelheit in Farbe sehen können!
Um zu erfahren, wie dies funktioniert, untersuchte ein Team um den Evolutionsbiologen Walter Salzburger von der Universität Basel die Opsin-Proteine von Tiefseefischen. Sie fanden die erwähnte Vervielfältigung der Gene in mehreren Arten aus unterschiedlichen Verwandtschaften von Tiefseefischen. Die vielen Gene sorgen dafür, dass die Fische auch feinste Unterschiede der grünlich-blauen Biolumineszenz unterscheiden können.
Wenn du erfahren willst, welch garstige Bedingungen in der Tiefsee herrschen und wie die Tiefsee nun langsam erforscht wird, dann lies meinen ersten Blogartikel zur Tiefsee.
Seepferdchen und Seenadeln sind die wohl schillerndsten Fische im Meer. Vor allem die Fortpflanzung der Seepferdchen und Seenadeln, die sehr nah miteinander verwandt sind, ist spektakulär. Welche anderen Fisch-Arten können von sich denn schon behaupten, dass die Männchen schwanger werden und Kinder kriegen?
Nun hat man endlich herausgefunden, wie das wirklich funktioniert! Lies hier, wie die Seepferdchen-Fortpflanzung abläuft und wie Seepferdchen-Männchen die Kinder kriegen.

Seepferdchen sind geschickte Jäger: mit den beweglichen Augen fixieren sie die Beute und saugen sie dann in wenigen Hundertstelssekunden ein.
Die Faszination, die von Seepferdchen ausgeht, hat grösstenteils damit zu tun, dass die Männchen die Hauptarbeit bei der Fortpflanzung übernehmen. Man weiss schon viele Jahrzehnte, dass die männlichen Tiere in eine Bruttasche am Bauch – ganz ähnlich dem Känguru-Beutel – die Eier ausbrüten, die ihnen die Weibchen anvertrauen; bis die Babys geschlüpft sind. Fast könnte man meinen, Seepferdchen seien mit Beuteltieren oder anderen Säugetieren verwandt. Die Natur erfindet manche praktischen Dinge bisweilen mehrmals!
Seepferdchen schwimmen nicht besonders gut. Sie sind «benthische» Fische, das heisst, sie leben am Meeresgrund, im flachen Wasser. Dort also, wo es sicher viel Planktonnahrung hat. Mit ihrem Greifschwanz halten sie sich an Algenbüscheln, an Korallen oder Felsstrukturen fest und warten, bis kleine Meerestiere in der Strömung an ihnen vorbeiziehen. Die Seepferdchen saugen dieses Planktontiere dann blitzschnell mit ihrem Röhrenmaul ein und fressen sie. Diese Art der Nahrungsaufnahme heisst auch «Pipette-feeding», fressen per Pipette also. Das Seepferdchen erzeugt im Maul mit seinem Zungenbein einen ungeheuren Unterdruck, der sich über das winzige Mündchen am Ende der langen Schnauze entlädt. Der Fressvorgang dauert nur wenige Hundertstelsekunden. Seepferdchen sind recht ortstreu; sie kommen nicht weit in der Welt herum, dafür kennen sie aber ihren Wohnort wie ihre Bauchtasche.
Wenn Seepferdchen sich fortpflanzen wollen, herrscht immer Mangel an Geschlechtspartnern. Logisch, wenn man nicht reisend auf Brautschau kann. Also balzen die Männchen auf sehr aufwändige Art: Wenn sie ein schönes Weibchen vorbeischwimmen sehen, umkreisen sie es mit zurückgebogenem Kopf. Dann blähen sie ihre Bauchtasche gewaltig auf. Auf Seepferd-isch heisst dies: «Schau mal, mein Bauch ist so gross, da passen alle deine Eier locker rein… Ich werde sie beschützen und ein guter Vater sein... Gib sie mir doch bitte!»
Manche Arten von Seepferdchen tarnen sich im Gewirr von Algen mit Hautfortsätzen, die ihre Kontur auflösen.
Falls das Weibchen sich nach Stunden oder gar Tagen erweichen lässt, spritzt sie ihre 50-1000 Eier (das variiert bei den unterschiedlichen Arten) mit einem speziellen Eilegeorgan, dem sogenannten Ovipositor, direkt in die Bauchtasche des Männchen. Jetzt besamt das Männchen die Eier und schüttelt sie in die richtige Position in der Tasche. Danach beginnen sich die Eier zu Embryonen und dann zu fixfertigen kleinen Seepferdchen zu entwickeln.
Auf Seepferd-isch heisst dies: «Schau mal, mein Bauch ist so gross, da passen alle deine Eier locker rein…»
Nach Tagen bis Wochen – auch dies ist von Art zu Art unterschiedlich – kommt es bei Seepferdchen zu einer richtigen Geburt: Das Männchen presst die winzigen Jungen in wehenartigen Schüben ins freie Wasser. Es ist nachher total erschöpft. Und tut ein paar Tage erst mal gar nichts. Von jetzt an sind die Jungen auf sich selbst gestellt.

Je grösser der Bauch, desto begehrter sind die Männchen bei den Weibchen. Bei Seepferdchen, wohlverstanden.
So viel wusste man schon lange über die Fortpflanzung der sympathischen Fische. Was aber weitgehend unklar war: Wie schaffen es die Seepferdchen, die Eier in dem Brutbeutel gesund zu halten? In einem Sack drin gibt es ja in der Regel kaum Sauerstoff, und die sich entwickelnden Jungen benötigen viel davon, ausserdem brauchen sie jede Menge Nährstoffe und auch Antikörper gegen Krankheiten.
Camilla Whittington, eine Evolutionsbiologin an der Universität von Sydney hat‘s nun aber ganz genau wissen wollen und sehr gut nachgeschaut. Dabei hat sie viel herausgefunden: Im Inneren des Brutbeutels gehen kurz nach der Eiübergabe seltsame Dinge vor sich. Die Wand des Beutels wird zu Beginn der «Schwangerschaft» deutlich dünner. Gleichzeitig spriessen zarte Blutgefässe aus der Wand ins Beutelinnere hervor und umfassen die frisch platzierten Eier. Es bildet sich ein zartes Gewebe, das dieselbe Funktion auszuüben beginnt, wie die Plazenta bei Säugetieren! Die Embryonen werden von nun an rund um die Uhr umsorgt. Der Blutkreislauf des Vaters versorgt sie über die «Seepferdchen-Plazenta» mit Sauerstoff und beseitigt das Kohlendioxid aus der Atmung, gleichzeitig gibt er ihnen die nötigen Antikörper mit und ernährt sie erst noch!
Das ist einzigartig bei Fischen: Plazenten waren bisher nur bei lebendgebärenden Haien und Rochen, bei manchen Reptilien, gewissen Beuteltieren und natürlich den Säugetieren bekannt!
Junge Seepferdchen gehen sofort nach der Geburt auf die Jagd nach Plankton.
Bei soviel Brutpflege kann es sich ein Seepferdchen auch leisten «lediglich» mehrere dutzend bis wenige hundert Kinder zu haben: Dies minimiert die sonst üblichen Verluste durch Kindersterblichkeit. Vergleichbar grosse Meeresfische haben oft viele tausend Junge, die ohne Fürsorge im offenen Meer heranwachsen und meist sehr schnell als Planktonnahrung in einem Raubtiermaul enden. Die Überlebenschancen der jungen Seepferdchen liegen zwar lediglich bei etwa einem Prozent, bei anderen Meeresfischen jedoch nur bei Bruchteilen eines Promilles...
Es gibt weltweit rund 50 Seepferdchen-Arten - die Systematiker unter den Biologen sind sich manchmal nicht ganz sicher :-). Im Europäischen Mittelmeer leben drei Arten, an der Atlantikküste zwei. Leider sind Seepferdchen in einigen Teilen der Welt stark gefährdet, weil man sie als «Medizin» gegen allerlei Gebrechen einsetzt. Ein gesundheitlicher Nutzen dieser «Medizin» ist mit wissenschaftlichen Methoden nicht zu erkennen.
Eine Grasnadel (Syngnathus typhle) aus dem Mittelmeer.
Auch in der Bretagne leben auch Seepferdchen. Meist findet man sie in den unterseeischen Seegraswiesen vor der Küste.
In der Gezeitenzone kann man ohne Tauchen aber ganz einfach ihre nächsten Verwandten studieren, die Seenadeln.
Deren Fortpflanzung ist weitgehend vergleichbar mit derjenigen der Seepferdchen. Allerdings haben Seenadel-Männchen keine Bauchtasche, sondern eine «Bauchleiste».
Eier in "Eibechern" am Bauch einer tropischen Seenadelart. Man sieht ganz deutlich die Augen der Fischembryonen und den eingerollten Schwanz.
Das Seenadel-Weibchen klebt ihre Eier Stück für Stück in zwei Reihen an den Bauch des Männchens. Meist sind das etwa 20-30 Eier. Die Bauchhaut des Männchens schwillt danach an und umwächst die Eier etwa zur Hälfte. Am Schluss sieht das ganze «Gelege» aus, wie eine Reihe Glacé-Kugeln, gut gelagert in knusprigen Cornets. Oder Fünf-Minuten-Eier im Eibecher!
Zu guter Letzt: Nein, Seepferdchen sind keine Säugetiere wie wir. Sie haben keine Milch produzierenden Drüsen, keine Haare und sie haben keine Lungen. Dafür atmen sie über Kiemen und haben Schuppen, die zu einem knöchernen Panzer zusammengewachsen sind; sie sind also eindeutig Fische. Aber was für welche!
P.S.: Wenn es dich interessiert, wie sich Muscheln fortpflanzen, dann schau hier.
Zur Algenpest wird die Algenblüte erst dann, wenn wir Menschen davon unangenehm betroffen sind oder geschädigt werden. Mit der Beulenpest, der gefährlichen bakteriellen Infektionskrankheit, hat sie natürlich gar nichts zu tun.
Algenblüten entwickeln sich in aller Regel nur dann, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig perfekt zusammenpassen. Schädliche Algenblüten - Algenpesten - sind deshalb zum Glück relativ selten und bleiben meist regional beschränkt.
Grünalgen der Gattung Ulva können bisweilen in Massen auftreten und Probleme an den Küsten verursachen. Ansonsten sind sie eigentlich ganz hübsch anzusehen. Ihre Form erinnert an Salat - sie heissen auch "Meersalat".
Algen, Wasser, Licht, Nährstoffe... alles muss stimmen. Die Algenblüten, die manchmal beispielsweise an der Nordküste der Bretagne auftauchen, entstehen nur unter dem gleichzeitigen Einfluss folgender Faktoren:
1. Losgelöste Grünalgen (zum Beispiel der Meersalat Ulva spec.). Wenn in einem Meeresgebiet oder an einer Küste bereits viele Algen vorkommen, die ein Potential für eine Pest entwickeln können, dann ist die erste Bedingung erfüllt.
Es braucht jedoch noch einige weitere Faktoren.
2. Starke Brandung: Bei starkem Wellengang (es benötigt nur einen kleinen Sturm) werden regelmässig Algen der Gezeitenzone vom felsigen Untergrund abgerissen und durch die sich brechenden Wellen an der Küste in Stücke zerfetzt. Die Grünalge Ulva (Meersalat) zum Beispiel kann derart zerkleinert werden, dass vom Algenkörper (Thallus) nur noch Einzelzellen übrig bleiben.
Jede dieser Zellen kann wieder zu einer ganzen Ulva auswachsen - sie wächst flächig und erreicht gut 30 x 30 cm. Individuenzahl und Volumen der Algen können auf diese Art extrem zunehmen.
3. Viel Sonne und Wärme nach einem Sturm: Je heller die Sonne scheint, desto mehr Fotosynthese können die Grünalgen betreiben. Mehrere aufeinanderfolgende ruhige Sonnentage in den Sommermonaten heizen das flache Küstenwasser stark auf (es wird immerhin 20°C warm), was die Zellteilung und damit das Wachstum der zerkleinerten Ulva beschleunigt.
4. Klares Wasser: Im transparenten Wasser kann mehr Licht eindringen als in trübem. Dies bewirkt ein beschleunigtes Wachstum durch erhöhte Photosyntheseleistung der Algen. Ihr Volumen nimmt zu.
5. Seichte Buchten mit hellem Meeresgrund: Der helle Meeresboden reflektiert die Sonneneinstrahlung. Die im Wasser schwebenden Algen erhalten dadurch zusätzlich viel Licht von unten, was die Wachstumsrate nochmals steigert.
6. Geringer Wasseraustausch mit dem offenen Meer in Buchten: In manchen Meeresbuchten ist der Wasseraustausch trotz starken Gezeiten relativ bescheiden. Die Algen werden daher nicht ins offene Meer hinaustransportiert, sondern konzentrieren sich über Wochen in der Bucht.
7. Nährstoffe/Stickstoff: Mancherorts ist die Landwirtschaft in Küstennähe derart intensiv, dass Nährstoffe in Form von Stickstoff (Dung, Gülle, Dünger) mit dem Regenwasser vom Landesinneren ins Meer gespült werden. Es gibt mehrere tausend Viehzucht- und Artischocken-Farmen in der Bretagne.
Nährstoffe können temporär und regional auch ohne menschliches Zutun im Übermass vorhanden sein. Natürliche lokale Nährstoffquellen sind zum Beispiel abgestorbene Meeresorganismen, unterseeische Quellen, aufsteigendes Tiefenwasser oder verlandende Flussmündungen.
Sind alle diese Bedingungen gleichzeitig erfüllt, ist die Chance da, dass sich Algenpesten bilden. Innerhalb von zwei Wochen können diese gewaltige Ausmasse annehmen. Die Gezeiten spülen immer mehr der schnell wachsenden Algen an den Strand, wo sie sich auftürmen, verfaulen und giftige Gase freisetzen können.

Das Bild zeigt keine Algenpest sondern einen schönen Bestand von Grünalgen an einem Gezeitenstrand.
Manche der beteiligten Algenarten können für die anderen Meeresbewohner gefährlich oder gar tödlich sein:
Für Badegäste sind die angeschwemmten Algenmassen bestenfalls unappetitlich.
So sind in der Bretagne in den letzten Jahren
in den giftigen Gasen verwesender Algenhaufen ums Leben gekommen.
Da sich durch den Klimawandel nicht nur die Atmosphäre, sondern in geringerem - langsamerem - Mass auch das Meer erwärmt, liegt die Vermutung nahe, dass Algenblüten heute vermehrt auftreten. In Regionen, in denen das Meer mit Nährstoffen aus Landwirtschaft oder Abwasser belastet wird, häufen sich tatsächlich auch die Algenblüten, vor allem ist dies regional in Randmeeeren und grossen Buchten zu beobachten. Auch in der Bretagne. Eindrücklich und auch gefährlich sind die durch die Abwässer der Landwirtschaft begünstigten Massenauftreten von Grünalgen (Ulva) an den bretonischen Stränden (siehe oben).

Es gibt sehr viele, sehr unterschiedliche Algenarten; nur die allerwenigsten von ihnen können Algenpesten verursachen.
Oder nehmen wir die Zunahme der Algenpesten gar nur wahr, weil häufig darüber geschrieben wird oder weil immer mehr Menschen an den Küsten leben?
Gustaaf Hallegraeff von der University of Tasmania (Australien) ist der Frage nachgegangen, ob die Häufigkeit von schädlichen Algenblüten im Meer tatsächlich zugenommen habe oder ob es sich eventuell um eine subjektiv wahrgenommene Häufung handelt. Gustaaf Hallegraeff und sein Team haben fast 10'000 Berichte über Algenblüten der letzten 33 Jahre untersucht. Die umfangreiche Studie umfasste Daten rund um die Welt.
Grünalgen in einem Gezeitentümpel. Wenn die Sonne scheint, erzeugen die Algen Unmengen an Sauerstoff (Gasblasen)
Fischfarmen und Aquakultureinrichtungen in Küstennähe - und auch der Massentourismus - sind häufiger von Algenblüten betroffen als früher und die Schäden sind grösser.
Dies höchstwahrscheinlich, weil es heute ein Vielfaches solcher Einrichtungen gibt als noch vor dreissig oder fünfzig Jahren. Wenn an einem Ort eine Algenpest auftritt werden jeweils mehr Betriebe und mehr Angestellte betroffen als früher. Ausserdem leben sehr viel mehr Menschen als früher am Meer oder verbringen mehr Zeit am Meer als früher. Es gibt mehgr "Betroffene" und mehr "Zeugen".
Die “gefühlte“ Zunahme der Algenpesten lässt sich wissenschaftlich nicht erhärten und ist wohl mit den grösseren Schäden und dem verbesserten Monitoring erklärbar. Das lässt vielleicht zunächst aufatmen...
Allerdings "ist zu erwarten, dass sich das Vorkommen schädlicher Arten und ihre Auswirkungen im Laufe der Zeit lokal, regional und global verändern werden, zusammen mit den Auswirkungen, die Klima, Hydrographie und menschliche Einflüsse auf die Küstenumwelt haben“, sagt Co-Autor Henrik Enevoldsen von der Universität Kopenhagen.
Es wird sich also einiges verändern, wenn wir weiter so stark ins Meer, die Küstenbiotope und die Nährstoffverteilung der Ozeane eingreifen und die Atmosphäre weiter künstlich erwärmen. Die Mechanismen, die auf das Meer als Ganzes wirken, sind durch so viele Faktoren beeinflusst, dass wir sie noch immer nur teilweise verstehen. Umso wichtiger sind eine unabhängige und breit abgestützte Meeresforschung, ein tiefgreifender Meeresschutz und natürlich eine erhöhte Vorsicht von uns allen im Umgang mit den Küstengebieten.
Quelle: Gustaaf Hallegraeff (University of Tasmania, Australien) et al., Nature Communications Earth & Environment, doi: 10.1038/s43247-021-00178-8
Die Gezeiten der Bretagne sind vor allem an der Nordküste gewaltig. Zwischen dem Mont Saint-Michel und Morlaix können bei Voll- oder Neumond die Wassermassen mehr als 12 Meter steigen und fallen. Die grossen Wassermassen, die dabei verschoben werden, bringen eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren, Schalen, Eiern, Gelegen oder auch Kadavern an den Strand. Es lohnt sich im Spülsaum am oberen Rand des Strandes zu stöbern.

Die meisten Haie und Rochen legen Eier, die anderen gebären wie wir fixfertige Junge. Die eierlegenden Nagelrochen «bauen» sehr grosse hornartige Ei-Kapseln, in denen sich die Embryonen gut geschützt entwickeln können. Die Eikapseln heissen auch Nymphentäschchen… schön, nicht wahr? Die langen Hörner an den Ecken der Eikapseln dienen der Verankerung, und sorgen dafür, dass das Ei nicht fortgespült wird. Allfällig auftauchende Raubfische können den Embryo nicht riechen, denn die Kapsel ist zu Beginn sehr dicht. Später bekommt sie eine Sollbruchstelle, durch die das nun fertig entwickelte Jungtier schlüpfen kann.
Sind die Jungen nicht superhübsch?
Was hier aussieht wie ein stacheliges Herz, ist die «Wurzel» des Sackwurzeltang Saccorhiza polyschides. Der Tang kann drei Meter und mehr lang werden und bildet mit anderen verwandten Algenarten dichte Bestände knapp unterhalb der Ebbelinie – die sogenannten Tangwälder.
Die «Wurzel» ist keine echte Wurzel, denn sie transportiert kein Wasser und keine Nährstoffe. Sie dient lediglich der Fixierung der riesigen Alge am Untergrund. Damit die langen Algen in der Brandung nicht losgerissen werden, haben ihre Stiele kardanartig aufgebaute Gelenke knapp über dem Rhizoid.
Eine Blümchenwiese im Meer? Weit gefehlt, die dekorativen Blumen- oder Sternmuster stammen von Stern-Seescheiden, kolonial lebenden Manteltieren, die auf Algen, Steinen oder Muschelschalen wachsen. Jede Kolonie besteht aus mehreren Individuen, die nennt man «Zooide», die rund um eine gemeinsame Ausströmöffnung angeordnet sind. Die Individuen saugen planktonhaltiges Wasser durch eine individuelle Einströmöffnung an und sieben daraus ihre Nahrung. Die Zooide können sich durch Teilung vervielfältigen, so entstehen die hübschen Blümchen!
Seescheiden sind mit uns verwandt! Sie haben zwar keine Wirbelsäule, aber im Larvenstadium eine Chorda. Die Chorda dorsalis ist das ursprüngliche Achsenskelett der Chordatiere, zu denen alle Wirbeltiere – Fische, Amphibien, Reptilien, Säuger und Vögel – aber auch die Seescheiden gehören. Die Chorda leitet in der Embryonalentwicklung vor allem die Bildung wichtiger Gewebe ein, danach bildet sich bis auf kleine Reste zurück.
Das Seeohr möchte man gern «Muschel» nennen, es ist aber keine Muschel, sondern eine Meeresschnecke. Von aussen ist das Seeohr perfekt getarnt und fast unsichtbar, wenn es über die überwachsenen Felsen wandert und sich an den Rot- und Grünalgen gütlich tut. Manchmal aber spült die Flut ein gestorbenes Exemplar an, und dann sieht man die wundervolle Innenseite: Perlmutt vom Feinsten! Gibt es etwas Schöneres?
Das Grüne Seeohr ist getrenntgeschlechtlich, es gibt also Männchen und Weibchen. Im Spätsommer geben die Seeohren Eier und Spermien ins freie Wasser ab, wo auch die Befruchtung stattfindet. Danach leben die winzigen Larven als Planktontiere, bis sie sich wieder eine schöne Küste als Wohnort aussuchen.
Das Grüne Seeohr ist übrigens eine echte Delikatesse! Im 19. Jahrhundert haben die Bestände durch Übernutzung aber stark abgenommen. Deshalb dürfen die schönen Tiere nur noch für wenige Wochen pro Jahr gefangen werden.
Im Restaurant heissen sie «bulots», wissenschaftlich Buccinum undatum und auf deutsch Wellhornschnecken. Die 5-12 Zentimeter langen Meeresschnecken leben auf den Sand- und Schlammböden unterhalb der Gezeitenzone. Sie werden 15 Jahre alt und sind getrenntgeschlechtlich. Das Weibchen legt im Herbst faustgrosse Klumpen von mehreren hundert Eikapseln ab. Jede Kapsel enthält etwa 1000 bis 3000 Eier. Pro Kapsel entwickeln sich aber nur etwa zehn Eier, während die übrigen als Nähreier, also als Nahrung für die Schneckenlarven, dienen.
Wellhornschnecken sind räuberisch. Sie blockieren mit ihrem Schalenrand die Gehäuseöffnung einer Muschel und fressen deren Inneres auf.
Die giftigen Schutzanstriche von Schiffen machten den Wellhornschnecken fast den Garaus. Wenigstens in grossen Teilen des Wattenmeers sind sie verschwunden, weil die Chemikalien bei Weibchen zur Ausbildung männlicher Geschlechtsorgane führten. Die Substanzen sind mittlerweile in den meisten Ländern verboten.
Der Panzer der Seespinnen gleicht einem Klettverschluss. An unzähligen Häkchen und Borsten bleiben Algen an der Seespinne hängen und wachsen fest. Mit der Zeit entsteht ein richtiger «Dachgarten» auf dem Panzer - das sieht ganz hübsch aus - und die Seespinne ist durch diese lebende Tarnkappe praktisch nicht mehr sichtbar. Sie wandelt als Algenbüschel getarnt über den Meeresboden.
Sowohl der deutsche wie der französische Name – «araignée de mer» – sind irreführend. Seespinnen sind keine Spinnen, sondern Krebse, was an den zehn Beinen deutlich wird. Spinnen haben acht Beine und leben nicht im Meer.
Häufig werden im Sommer leblose Seespinnen an den Strand gespült. Meist handelt es sich dabei nicht um tote Tiere, sondern bloss um ihre harte Schale, die sie von Zeit zu Zeit erneuern müssen. Wächst die Seespinne, dann wird ihr der Panzer zu eng. Es muss unter dem alten ein neuer gebaut werden. Die Seespinne fährt förmlich aus ihrer alten Haut. Nachher ist sie butterweich und kann wachsen. Die ersten Tage nach der Häutung ist die Seespinne aber gefährdet, weil die neue weiche Haut noch keinen Schutz bietet. Den Möwen gefällt das…
Die Halsband-Mondschnecke hat nicht nur viele Namen (Halsband-Nabelschnecke, Grosse Nabelschnecke, wissenschaftlich Euspira catena, oder Lunatia catena, sie ist auch sonst speziell. Meist sieht man von ihr jedoch nicht mehr als ihr Gelege.
Dieses sieht aus wie ein Halsband („Sandkragen“) und besteht aus Sand, Gallerte und Eiern. Die Eier sind meist zu viert von einer Eikapsel umschlossen. Daraus schlüpfen fertige Schnecken, sie umgehen also die sonst bei Meeresschnecken übliche Larvenzeit als Planktontier.
Nabelschnecken überfallen nachts Muscheln und Schnecken, greifen sie mit ihrem muskulösen Fuss (LINK) und bohren sie mit ihrer Raspelzunge auf. Alles geschieht im Stillen im Sandboden.
Kopffüsser wie der Gemeine Kalmar oder die Sepia bauen wahre Kunstwerke, wenn es um die sichere Unterbringung ihrer Eier geht.
Die Weibchen des Gemeinen Kalamars Loligo vulgaris produzieren im Frühling bis in den Sommer hinein seltsame, wurstförmige, gallertige Schläuche. Diese sind mit tausenden von Eiern gefüllt und werden am Meeresgrund abgelegt und fixiert. Meist laichen die in riesigen Schwärmen lebenden Kalmare gemeinsam. Einige der seltsamen Gelege werden immer wieder an die Strände gespült.
Etwas vorsichtiger sind die Zehnarmigen Tintenfische oder Sepien (Sepia vulgaris). Die Weibchen stricken die olivengrossen Eier Stück für Stück zusammen an Algenbestände oder Korallenstöcke. Damit sie farblich nicht auffallen werden die Eier mit einem Spritzer Tinte eingefärbt. Trotzdem werden auch hier, besonders nach starken Winden, Sepia-Gelege an den Strand gespült.

Die Kompassqualle Chrysaora hysoscella wird vor allem in den Sommermonaten an die Strände der Bretagne und Südenglands gespült. Meist bewegen sich die wunderschön gemusterten Quallen nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche. Das ist natürlich für alle Schwimmer nicht so toll, denn die Kompassquallen können bei Berührung heftige und schmerzhafte Reaktionen verursachen.
Trotzdem sind sie spannend: Die Kompassquallen sind zwittrig. Aber auf eine eigentümliche Art: Sie entwickeln zuerst nur männliche Geschlechtsorgane, später sind sie sowohl männlich und wie weiblich, und abschliessend haben sie nur noch weibliche Fortpflanzungsorgane. Es ist sogar Selbstbefruchtung möglich! Die Eier werden im „Muttertier“ befruchtet, danach werden die Larven ins freie Wasser entlassen.
Im unteren Drittel des Sandwatts lebt die «Muschelsammlerin», ein mariner Ringelwurm (Lanice conchilega). Zu sehen ist nur ein zwei bis drei Zentimeter hohes bäumchenartiges Gebilde, das aus dem Sand ragt, der Rest des meist 20 Zentimeter langen Ringelwurmes ist in einer senkrechten Wohnröhre versteckt. Bei Ebbe zieht sich der Wurm in den nassen Untergrund zurück, das «Bäumchen» aber bleibt stehen. Bei Flut filtert der Wurm damit Plankton aus dem Meer. Dieser Filterapparat scheint auf den ersten Blick nicht lebendig, sondern aus Stein zu sein, und tatsächlich: Er besteht aussen aus Sandpartikeln und Muschelstückchen, die die Muschelsammlerin mit einem leimartigen Sekret aus Hautdrüsen zusammenklebt. Im Inneren sind die feinen Kopftentakel des Wurms perfekt geschützt. Reine und schönste Architektur!
Wird das «Bäumchen» beschädigt, so wird es entweder repariert oder innerhalb weniger Stunden neu gemörtelt.
1. Rochen-Eier, «Nymphentäschchen»
2. Haftorgan, Rhizoid, eines Sackwurzeltangs
3. Sternseescheide
4. Seeohr
5. Eiballen der Wellhornschnecke
6. Haut, Panzer der Seespinne
7. Eibehälter der Nabelschnecke
8. Gelege des Kalamars und der Sepia
9. Kompassqualle
10. Muschelsammlerin
]]>Zwischen Ebbe und Flut – in der Gezeitenzone – leben besonders viele Miesmuscheln. Sie sind an die wechselnden Wasserstände bestens angepasst. Oft bilden sie grosse Bänke mit Millionen von Individuen, die bei Ebbe deutlich aus dem Wasser ragen. Sie sind an manchen Küstenabschnitten der Bretagne die dominierenden Muscheln. Man findet sie fast überall.
Das Leben in der Gezeitenzone ist aber harte Arbeit: Jedes Tier, das hier lebt, benötigt einiges an besonderen Eigen- und Errungenschaften. Es braucht einen Schutz gegen Austrocknung, gegen Hitze und gegen Kälte, es benötigt Festhaltevorrichtungen, damit es nicht von den Wellen weggespült wird... Und es muss genügend Nahrung beschaffen können. All das schafft die Miesmuschel. Sie ist ein Genie!
Miesmuscheln haften - meistens in Gruppen - scheinbar mühelos an den Felsen der Gezeitenzone. Wie machen die das bloss?
Ich habe früher schon über Muscheln geschrieben, vielleicht interessiert dich das eine oder andere, hier findest du die Artikel:
Nun aber zum Thema "Miesmuschel gegen Brandung"...
Miesmuscheln bilden Cluster, sogenannte Muschelbänke.
Die Gezeitenzone bietet der Miesmuschel auch einige Pluspunkte: Es gibt hier wegen der widrigen Umweltbedingungen weniger Fressfeinde und weniger Konkurrenten als weiter unten im Meer. Es gibt sie zwar, die Miesmuschel kann aber mit ihnen umgehen.
Miesmuschelbänke in der Gezeitenzone, ungefähr auf Mittelwasserlinie.
Auch wenn die Miesmuschel nur bei Flut fressen kann, so hat sie trotzdem genügend Nahrung, denn die Wasserbewegung ist normalerweise stark, und so kommt genügend Futter des Wegs. Miesmuscheln ernähren sich von kleinen Planktonorganismen, die im Meer der Bretagne reichlich vorhanden sind.
So beliebt die Miesmuschel – in Frankreich heisst sie «Moule» – auf dem Teller ist, so genial ist die Muschel auch gebaut.
Schau dir beim nächsten Moules-Essen die prächtige, schwarz-blau glänzende Schale der Miesmuschel mal genau an: Sie ist aussen ganz glatt und sieht aus wie ein kleiner Schiffsrumpf! Das ist kein Zufall. Je stromlinienförmiger die Muschel gebaut ist, desto weniger Zugkraft erzeugen die Brandungswellen an der Muschel, und desto weniger wahrscheinlich ist ein Abreissen vom Felsen. Die Wellen fliessen einfach über die Miesmuscheln hinweg, ohne allzu stark an ihnen zu zerren. Die Hauptwirkung der Brandung ist nicht eine Schlagenergie beim Auftreffen der Welle, sondern die Sogwirkung, die durch die Wasserbewegung entsteht.
Wenn die hydrodynamisch perfekte Miesmuschelform durch Seepockenbewuchs verschlechtert wird, besteht für die Muschel die Gefahr weggespült zu werden.
Moules leben nie alleine. Sie vernetzen sich mit elastischen Fäden mit ihren Nachbarn und bilden Muschelbänke, was den Schutz erhöht. In den Muschelbänken verfängt sich viel stabilisierendes Sediment, und Unmengen anderer Tiere können sich hier ansiedeln. Es lohnt sich, mit einer Lupe zwischen die Miesmuscheln zu gucken!

Die Muschelschalen von jungen Moules sind noch nicht mit Seepocken überwachsen.
Je nachdem, wo die Miesmuschel lebt, zum Beispiel an welchem Strandtyp, bei welchen Temperaturen, welcher Geländeneigung oder welchem vorherrschenden Wellengang, sieht sie anders aus und verhält sich auch anders. Aber nicht nur das, der Standort der Miesmuschel hat auch Einfluss auf die Fortpflanzungszeiten und die Wachstumsgeschwindigkeit!
Miesmuscheln werden häufig von Seepocken (im Bild eine Australseepocke) überwachsen, was ihren Überlebenschancen nicht zuträglich ist.
Je stärker die Brandung, desto grösser ist das Risiko, dass eine Miesmuschel losgerissen oder ihre Schale beschädigt wird. Miesmuscheln können auf dieses Risiko reagieren, sie sind ihm nicht hilflos ausgesetzt. Bei einem am Felsen festgewachsenen Tier, das sich nicht vom Fleck bewegen kann, hätte man eher die Vermutung, dass es kaum auf Umwelteinflüsse reagieren kann. Zum Glück hat die Natur immer wieder Überraschungen auf Lager!
Miesmuscheln passen die Stärke ihrer Verankerung am Felsen an: Sie «kleben» mit ihren Byssus-Fäden – einem zähen, hornartigen Material – am Felsen fest. Je mehr Byssus-Fäden die Muschel für die Verankerung einsetzt, desto stabiler sitzt sie auf dem Untergrund.
Byssus ist ein Natur-Polymer und einem normalen Zerfall unterworfen. Die Fäden müssen von Zeit zu Zeit ersetzt werden. Der Ersatz der Byssus-Fäden kann 10-15% des gesamten Energiehaushalts der Muschel ausmachen! Schon daran sieht man, wie wichtig eine gute Verankerung ist.
Byssus (oder griechisch Byssos) wird auch Muschelseide genannt. Und tatsächlich wurden früher aus Byssus - vor allem von demjenigen der mediterranen Steckmuschel - Textilien gemacht. Das ist eine unglaublich aufwendige und teure Arbeit. In Sardinien gibt es noch ein paar letzte Meerseide-Verarbeiterinnen.
Byssus ist das Sekret aus den Fussdrüsen verschiedener Arten von Muscheln. Das tönt zunächst nicht sehr appetitlich... Aber: Der Fuss der Muscheln ist ein muskulöses, zungenförmiges Organ, mit dem sich grabende Muscheln eingraben oder im Boden verankern können. Bei der Miesmuschel, der Steckmuschel oder auch der Wander- oder Zebramuschel in unseren einheimischen Süssgewässern dient der Byssus ausscheidende Fuss dem Befestigen am Untergrund. Die Sekrete mehrerer Drüsen produzieren vor allem sogenannte phenolische Proteide, die zu Haftfäden polymerisiert werden und erhärten. Das entstehende Biomaterial ist sehr zäh, dehnbar und reissfest. Viele Muschelarten können nur als Jungmuscheln Byssus produzieren, bei anderen - wie der Miesmuscheln - dauert diese Fähigkeit zeitlebens an.
Die Byssusfäden verankern die Miesmuschel zwar fest, aber auch elastisch. So werden die "Stösse" der Brandung aufgefangen.
Zudem können sich Miesmuscheln aktiv «festzurren». Sie erreichen die Straffung der Byssus-Fäden durch die Muskeln des Fusses, die die Byssus-Drüse weiter ins Schaleninnere ziehen.
Die Muschel investiert nach der strömungsgünstigen Form und des elastischen Haltefäden noch in eine dritte Versicherung, nämlich die Dicke ihrer Schale. Aber auch dieses Unterfangen ist teuer, da 25 bis 50% der gesamten Energie des Muschelstoffwechsels in den Aufbau der Schale investiert werden. Da bleibt nicht mehr viel für Verdauung, Fortpflanzung oder Spass 😊. Wie die Schale funktioniert und wie sie aufgebaut ist kannst du hier nachlesen.
Küsten mit starker Strömung und hoher Wellenenergie haben bei allen Nachteilen für die Miesmuschel einen entscheidenden Vorteil: Das stark bewegte Wasser bringt in der Regel einen grossen Wasserfluss und damit auch viel Nahrung mit sich. Allerdings nur bei Flut, bei Ebbe muss eine Moule fasten.
Die Verfügbarkeit von Plankton ist denn wahrscheinlich auch der wichtigste Faktor, der das Wachstum der Miesmuschel beeinflusst. Damit Wachstum und Fortpflanzung stattfinden können, muss die als Nahrung aufgenommene Energie die Aufwendungen der «Wartung» und Sicherung übersteigen. Es lohnt sich für die Muschel offenbar, einen Kompromiss zu suchen. Ist sie wohl eine Schweizerin? Auf jeden Fall wächst sie an «mittel-schwierigen» Orten am besten, dort also, wo sie zwar viel in Verankerung und Stabilität zu investieren hat, gleichzeitig aber auch viel fressen kann. Wie eine Bank... Der Ertrag an Plankton-Nahrung überwiegt dann eben die Nachteile. An Orten mit extremer Brandung haben die Muscheln keine Chance gegen die Energie des Meeres, sie werden beschädigt und verletzt oder weggerissen und in tiefere Wasser getragen, wo sie nicht mehr lange leben können. In sehr ruhigen, geschützten Meeresbuchten wiederum hungern sie und wachsen kaum.
Miesmuscheln können ihre Hauptfeinde, die Purpurschnecken, mit den Byssus-Fäden immobilisieren; Sie kleben sie einfach fest. Manchmal dauert die «Fesselung» Tage oder Wochen, mitunter solange, bis die räuberischen Schnecken verhungert sind!
Die Nordische Purpurschnecke Nucella lapillus lebt räuberisch von Seepocken und Miesmuscheln, die sie mit ihrer Raspelzunge und Säure aufbohrt.
Es gibt diverse Strategien der Miesmuschel gegen die Brandung und ihre schädlichen Effekte anzukommen. Fast jede der vielen hundert Tierarten der bretonischen Küste haben ähnlich komplexe Strategien entwickelt, um in der Gezeitenzone leben zu können. Sie ist deshalb einer der faszinierendsten Lebensräume überhaupt und für das Meer eminent wichtig. Die Küsten müssen gesund bleiben!
Das Wetter der Bretagne kann echt launisch sein, aber die schlechte Laune dauert nie lange. Auch wenn mitunter plötzliche Regenschauer niederregnen und man nass wird – der strahlend blaue Himmel, der sich gleich nachher wieder einstellt, macht alles wieder wett. Grundsätzlich hält sich das schlechte Wetter meist nur kurz, denn der vorherrschende Westwind vertreibt die Regenwolken ebenso schnell, wie er sie heranträgt.
Der Ruf des bretonischen Wetters ist viel schlechter als die Realität. Eingefleischte und unverbesserliche Bretagne-Freunde wissen, dass die Bretagne in Wahrheit ein Schönwettergebiet ist. Das lässt sich auch anhand der Wetterdaten belegen. Glaub’s mir und schau weiter unten auf die Tabelle!
In der Bretagne ist das Klima entlang der Küsten «ozeanisch», vor allem im Westen, im Finistère. Die Winter sind mild, aber regnerisch, die Sommer kühl und recht trocken, und Winde sind häufig. Im östlichen Teil der Bretagne (z.B. in Rennes) ist das Klima subozeanisch, etwas weniger wasserbeladen, es ist schon kontinental beeinflusst, wärmer und weniger wechselhaft.
Ozeanisches Klima finden wir entlang der ganzen Westküste Europas. Warmes Wasser aus tropischen Gebieten des Atlantiks und der Karibik fliesst mit dem Golfstrom nach Europa. Dort wirkt es wie eine Klimaanlage: Im Winter heizt es die Luft in Europa auf, im Sommer wirkt es kühlend. Das Wasser des Atlantiks ist ein gewaltiger, ausgleichender Wärmespeicher und beeinflusst das Wetter in der Bretagne nachhaltig.

Und so haben wir in der Bretagne in den Sommermonaten Durchschnittstemperaturen von selten mehr als 15 °C. Die Tage werden mit 24°C zwar schön warm, nachts kühlt es aber immer ab. Die frühen Morgenstunden sind frisch. Ich mag das, es prickelt beim ersten Strandspaziergang auf der Haut.
Die Winter sind recht mild. Selbst im kältesten Monat bleiben die Temperaturen meist über 5°C. Tagsüber wird es oft zweistellig warm.
Im ozeanischen Klima fällt vor allem in der kalten Jahreszeit, wenn die Westwinde stärker wehen und feuchte Luftmassen vom Atlantik zu den Küstengebieten transportieren, viel Niederschlag. Allerdings sind die Niederschlagsmengen viel geringer, als man sich dies gemeinhin vorstellt.
Die Region Bretagne liegt im Nordwesten Frankreichs und ist – als Halbinsel – von drei Seiten von Meeresgebieten des Atlantiks umschlossen. Das «Land am Meer» heisst nicht nur bei Asterix Aremorica. Ein Département im Norden heisst ebenso «Côtes d’Armor».
Im Süden grenzt die Bretagne an den Golf von Biskaya, im Westen an die Irische oder Keltische See und im Norden an den Ärmelkanal. Im Golf von Saint-Malo befinden sich die Kanalinseln, die zwar im Besitz der britischen Krone sind, aber trotzdem nicht zum Vereinigten Königreich gehören. Jersey und Guernsey haben eigene Parlamente und eigene Währungen. Aber das hat mit dem Wetter nichts zu tun. Trotzdem: An klaren Tagen kann man von Saint-Malo aus Jersey sehen oder gleich in eine Fähre dorthin steigen… Es lohnt sich!
Die einzelnen Küstenabschnitte der Bretagne haben wohlklingende Namen: Côte d’Émeraude (Smaragdküste), Côte du Goëlo, Côte du Granit rose (Rosa Granit-Küste), Côte des Légendes, Côte d’Iroise (Bezug zu Irland), Côte de Cornouaille («Cornwall»), Côte des Mégalithes und Côte d’Amour.
Die höchsten Gipfel der Bretagne sind die 387 Meter hohen Monts d'Arrée. Dort regnets mit 1’500mm pro Jahr mehr, und im Winter schneit es öfter.
Es ist an der Zeit die Vorurteile zum bretonischen Wetter loszuwerden: Im sonnenverwöhnten Tessin in der Schweiz ist die Jahresniederschlagsmenge fast doppelt so hoch als in der Bretagne! Allerdings ist die Anzahl der Regentage etwas geringer…
An der Westküste bei Brest liegt die Niederschlagsmenge bei etwa 930 Millimeter pro Jahr. Brest gilt deshalb in Frankreich als DAS Regengebiet schlechthin. Was falsch ist, im Elsass oder im Norden Frankreichs («Bienvenue chez les Ch’tis») regnet es viel mehr.
Der weithin schlechte Ruf des Wetters im Finistère ist wirklich unbegründet: In Brest ist es übers Jahr gemittelt vier Grad wärmer als in Locarno, und es hat weniger Regentage als das sonnige Mulhouse. Schau Dir mal die Tabelle genau an, man kann nur staunen! Wann könnte wohl die beste Reisezeit sein?

Bei der Wassertemperatur – die hier nur für Saint-Malo aufgelistet ist – hört der Spass für Warmduscher dann aber doch auf: 18 °C sind das höchste der Gefühle für die Badegäste im Hochsommer, die totale Erfrischung beim Bad ist also garantiert.
An der bretonischen Südküste (z.B. in Vannes) fällt etwas weniger Regen und die Sommer sind etwas wärmer und trockener als an der Nordküste. Die Unterschiede sind aber nicht gross. Nur das Wasser an den Stränden ist um ein-zwei Grad wärmer.
Der Winter ist in der Bretagne recht mild. Die Temperaturen liegen in der Regel auch nachts über 0°C, Wind und Feuchtigkeit verstärken jedoch oft die gefühlte Kälte. Bei südlichen oder südwestlichen Winden kann die Temperatur auch im Winter 12-14 °C erreichen.
Die kleinen Inseln im Westen der Bretagne (z.B. Ouessant) haben ein besonders mildes Klima, so sagt man wenigstens; ich persönlich finde das Klima dort ziemlich rau, mit ausgesprochen ruppigen Winden und häufigen Nieselschauern. Die Durchschnittstemperatur im Januar liegt über 8 °C, und im Allgemeinen sinkt die Temperatur auch an den kältesten Tagen des Jahres nicht unter Null. Im Gegensatz dazu ist der Sommer überdurchschnittlich kühl.
Angesichts der exponierten Lage am Atlantik ist die Bretagne weniger anfällig für Kältewellen als das übrige Frankreich (die Mittelmeerküste ist hier natürlich ausgenommen). Allerdings können auch hier sehr kalte Perioden auftreten, mit Temperaturen unter Null, wenn Frankreich von den Strömungen aus Russland betroffen ist. Gelegentlich kann es daher sogar kurz etwas Schnee und Frost geben.
Im Februar 2012, einem der kältesten Monate der letzten 20 Jahre, sank die Temperatur in Rennes und Saint-Malo auf -8,5 °C, auf -5,5 °C in Brest und auf -1 °C auf Ouessant. Aber solche Kälte ist ungewöhnlich.
Wenn du die Dramatik eines atlantischen Herbst- oder Wintersturms erleben willst, dann sind November und Dezember die richtigen Monate für dich. Die schwarzen, hoch aufgetürmten Sturmwolken zaubern eine einzigartige Stimmung in die sonst schon prächtige Küstenlandschaft. Eine Winterwoche in der Bretagne lohnt sich immer. Anfang Jahr sind jedoch viele Hotels und Restaurants geschlossen.
Im Frühjahr steigen die Temperaturen allmählich an. Es gibt noch einige Tage Regen und manchmal kalte Tage, wenn die Nordwinde wehen. Ab und zu, im März, kann es noch schneien, wie im März 2013. Im April und manchmal auch in der ersten Maihälfte kann es noch zu kalten Tagen kommen.
Aber dann! Dann kommt die perfekte Zeit fürs Geniessen der bretonischen Landschaften: Mai und Juni sind grandiose Monate. Es hat noch fast keine Touristen, die Klippen erglühen in Ginster- und Heidekrautblütenpracht und überall spriessen Orchideen. Zum Baden kanns noch sehr frisch sein, aber Wanderungen auf den pittoresken Küstenpfaden sind im Frühling traumhaft!
Zur Zeit der Tag-Nacht-Gleiche – der «Equinoxe» – kommt es wegen der besonderen Konstellation von Erde, Mond und Sonne zu ausserordentlich starken Gezeiten. Wer gerne bei Ebbe nach Strandgut, Meerestieren oder Algen forscht, der darf die «Frühlings-equinoxe» im März nicht verpassen. Nur dann weicht das Meer so weit zurück, dass man den Meeresgrund knapp unterhalb der Gezeitenzone betreten kann. Sonst muss man halt warten bis im September für die Herbst-Tag-Nacht-Gleiche.
Der Sommer ist in der Regel mild und nur selten heiss. Es gibt viel Sonne und meist ist der Sommer auch recht trocken. Am Morgen spürt man die kühle Luft über dem Meer, gegen Mittag kanns auch sommerlich heiss werden. Fast immer jedoch erfrischen einen die Brisen des Nachmittags. Die «Sommerfrische» ist besonders an der Westküste ausgeprägt: Bei Brest leigen die Höchstwerte im Juli und August bei 21 °C, an der Nord- und Südküste liegen die üblichen Höchsttemperaturen bei 22-24 °C. Die Temperatur variiert je nach Wetterlage: Wenn Störungen des Atlantiks passieren (was auch im Sommer auftreten kann), ist es kühl und bewölkt, und es gibt ein gewisses Regenrisiko. Bei einem stabilen Azorenhoch herrscht auch in der Bretagne Hochsommer, die Temperaturen können dann auf 27-28 °C steigen und ein Bad im kühlen Meer ist hoch willkommen.
Im Vergleich zum Rest Frankreichs ist die Bretagne allerdings viel weniger von den Hitzewellen betroffen. Hitzewellen dauern hier in der Regel bloss wenige Tage. Aber im August 2003 stieg die Temperatur auf 35 °C in Brest, 39 °C in Saint-Malo und 39,5 °C in Rennes. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Hitzewellen. Im Juli 2019 erreichte die Temperatur 31 °C in Brest, 37,5 ° C in Saint-Malo und sogar 40 ° C in Rennes.
Die Herbstmonate beginnen im September meist mit stabil schönem Wetter, erste Morgennebel ziehen auf, und die Lust auf ein Meeresbad schwindet gegen Ende Monat ganz langsam. Ab Oktober wird das Wetter stürmischer, kühl und manchmal regnerisch. November und Dezember sind ideal für Freunde von atlantischen Stürmen, von Regen und dramatischen Küstenszenerien.
Ich mach’s hier ganz einfach: Nein! Die perfekte Reisezeit hängt von deinen Vorlieben und Reisegründen ab. Wer gerne das Strandleben und etwas Gleichgesinnte geniessen will, der sollte zur Hauptsaison im Juli und August in die Bretagne. Alle, die einfach gerne draussen sind und eine wunderschöne Landschaft, Wind und Wetter geniessen wollen, die können eigentlich immer eine Woche oder zwei in Bretagne fahren. Wem Regen und Sturm nichts ausmachen, dem bietet der Winter bleibende Erinnerungen!
Ein altes Sprichwort besagt, dass man in der Bretagne alle Jahreszeiten an einem Tag erleben kann. Oder, dass es in der Bretagne schönes Wetter gäbe - fünf mal pro Tag! Extrem schnelle Wetterwechsel können tatsächlich ganzjährig auftreten.
Oft wird behauptet, die starken Gezeiten verhinderten, dass das Wetter lange schlecht bleibe. Das stimmt aber nicht, die Gezeiten haben keinen Einfluss auf Wetter und Klima. Aber sie können halt für einfache Erklärungsversuche für das seltsam launische Wetter herhalten.
Mehr zur Bretagne findest du in einem weiteren Blogartikel oder in meinem Newsletter. Falls dich die Tiere und Pflanzen der Bretagne besonders interessieren, findest du vielleicht Antworten in meinem Buch «Etudes marines»
]]>Möwen sind Meeresvögel – oder «Seevögel». Alle 54 Arten (die Anzahl kann je nach Systematik leicht schwanken) gehören zu derselben Familie, den «Möwenverwandten» oder Laridae. Ihnen am nächsten sind die Seeschwalben Sternidae, und in die weitläufige Verwandtschaft gehören auch die Regenpfeifer, Alken- oder Schnepfenvögel.

Ein Silbermöwenpärchen begrüsst sich
Küsten oder Inseln sind bevorzugte Lebensräume der Möwen, und an diesen Lebensraum sind sie perfekt angepasst. So finden Möwen am Strand ausreichend Nahrung und die steilen Klippenfelsen bieten nachts und während der Brut Schutz vor Raubtieren. Mit Ausnahme der Dreizehenmöwe wagen sich Möwen meist nicht weit hinaus in die Hochsee, sie sind zu stark ans Land gebunden. Spätestens zur Brutzeit wird dies deutlich, wenn sie ihre dichten Brutkolonien an der Küste bilden.
Möwen und andere Meeresvögel wie hier die Krähenscharben (eine Kormoranart) ziehen sich gerne auf Inselchen vor der Küste zurück. Dort können sie ausruhen und sind vor Raubtieren sicher.
Ihr Ruf ist typisch und reicht von Lachen, Gackern und Schreien bis hin zu Jammern. Gibt es ausser dem Rauschen der Brandung ein schöneres Meeresgeräusch? Sicher kein typischeres!
Möwen haben lange, schlanke Flügel, die ihnen sowohl rasante Sturzflüge wie auch „Hängegleiten» in Aufwinden ermöglichen. Der Schwanz ist in der Regel gerundet. Ausser bei der Gabelschwanzmöwe, da erübrigt sich auch die weitere Beschreibung.

Gabelschwanzmöwe auf den Galapagos-Inseln
Möwen sind mittelgrosse bis grosse Vögel. Sie sind grau oder weiss, mit schwarzen arttypischen oder altersabhängigen Markierungen an Kopf oder Flügel. Der Körper ist meist leuchtend weiss und hat einen dunkleren Mantel, der von hellgrau bis schwarz variieren kann. Natürlich gibt es Ausnahmen: Die Elfenbeinmöwe ist – der Name weiss es bereits – ganz weiss, die zierliche Lavamöve der Galapagosinseln, von der es nur wenige Hundert Exemplare gibt, ganz grau.

Lavamöve, Galapagos-Inseln
Der Kopf kann je nach Art, Jahreszeit oder Brutgeschehen mit einer dunklen Kapuze bedeckt oder ganz weiss sein. Der Schnabel der Möwen ist kräftig, schlank und scharf Schnabel, die Füsse sind mit Schwimmhäuten versehen.
Ihre Anatomie ermöglicht den Möwen sowohl Schwimmen, Fliegen als auch Schreiten oder gar Rennen. Sie sind zu Fuss geschickter als die meisten anderen Meeresvögel. In der Luft sind sie wahre Akrobaten und können sowohl mit Aufwinden spielen, schweben und segeln als auch im Sturzflug auf eine Beute zuhalten. Und sie benötigen zum Abheben nur sehr wenig Platz.
Die riesige Mantelmöwe vor einer bretonischen Küstenlandschaft
Möwen sind grossartige Athleten, sie sind schnell und kräftig, robust und haben ausgezeichnete Sinnesorgane; dazu sind sie intelligent, geschickt, mutig und äusserst anpassungsfähig.
Möwen sind – wenn es um die Nahrung geht – die am wenigsten spezialisierten aller Seevögel. Sie sind vor allem Fleischfresser, aber ihr Nahrungsspektrum ist fast unbeschränkt und ändert sich mit den Gelegenheiten: Sie fressen sowohl frisch gejagten Fisch als auch Krebstiere, Muscheln, Schnecken, Würmer und kleinere Vögel. Sie können riesige Brocken verschlingen oder Körnchen picken, sie fressen auch Süsswasserwirbellose, lebende und auch tote Insekten und Regenwürmer, Nagetiere, Eier, Aas, Innereien, Reptilien, Amphibien, Samen und Früchte und sogar menschlichen Müll.
Keine einzige Möwenart ist ein strenger Nahrungsspezialist. Die Art der Nahrung hängt von den Umständen ab: Terrestrische «Beute» wie Samen, Obst oder Regenwürmer werden während der Brutzeit häufiger gefressen, während Meeresbeute ausserhalb der Brutzeit bevorzugt wird; dann verbringen die Vögel mehr Zeit auf See.
Mantelmöwe und Silbermöwe am Strand
Die Futterbeschaffung ist genauso vielfältig wie das Futter selbst. Möwen jagen aus der Luft, fangen Fische im Flug durch Wellentäler, graben im lockeren Sand nach Würmern oder werfen Muschelschalen auf harten Fels, um sie zu öffnen. Dabei werden sie mit zunehmendem Alter immer geschickter. Es gibt auch Möwen am Strand, die in den Gezeitentümpeln erfolgreich nach Fischen jagen. Sogar Mäuse jagen manche Möwen!
Oft werden Möwen beobachtet, wie sie sich in Gesellschaft mit Walen, Thunfischen oder anderen Seevögeln am reichen Tisch des Meeres bedienen. Meist allerdings, ohne selbst sehr viel Schweiss zu vergiessen. So folgen sie mit Vorliebe den Fischerbooten und räumen ab, was diese übriglassen.
Eine Mantelmöve, junge und eine erwachsene Silbermöwe und sogar ein kleiner Steinwälzer versuchen, einen von den Fischern verlorenen Plattfisch zu ergattern. Gegen die grosse Mantelmöwe kommt niemand an.
Wenn am Meer das Futterangebot zu klein wird oder das Wetter zu garstig, wenn es zu wenig geschützte Brutplätze gibt, dann ist das Binnenland eine lockende Alternative. Im Binnenland liefert die Landwirtschaft zu gewissen Jahreszeiten genügend Nahrung. Kiesinseln in Flüssen und Seen und neu entstandene Sandbänke sind frei von Raubtieren. Solche Biotope sind echte Alternativen zur Meeresküste! Möwen sind flexibel und im Gegensatz zu anderen Wasservögeln weniger an Seen und Flüsse gebunden. So legen sie bei der Nahrungssuche als exzellente Flieger problemlos teils grössere Strecken zu einem Gewässer zurück.
Wer so eng mit dem Meer zusammen lebt, muss mit dem Salz im Meerwasser umgehen können. Möwen trinken sowohl Süss- wie Meerwasser. Uns würde die enorme Salzmenge schaden, wir bekämen Durchfall, müssten uns erbrechen und würden sehr schnell austrocknen, wenn wir Meerwasser tränken. Möwen besitzen im Vorderschädel jedoch spezielle Salzdrüsen, mit denen sie das überschüssige Salz aus dem Blut extrahieren und dann als Sole über die Nase ausschneuzen können.
In vielen Sprachen sind ähnliche Worte für Möwen vorhanden: Ein älterer englischer Name ist mews, im Dänischen heissen sie måge, schwedisch sind es mås, holländisch meeuw, norwegisch måke/måse und sogar im französischen mouette ist das Wort «Möwe» oder «Mewe» noch erkennbar. Der deutsche Ausdruck Möwe hat seinen Ursprung wohl bereits im 16. Jahrhundert mit dem Wort mēwe / meve. «Mewe» war bis im 18. Jhd. gebräuchlich.
«Möve» (mit v) hingegen ist seit dem Ende des 20. Jhds veraltet.
Möwen gehören zu den einfallsreichsten, neugierigsten und intelligentesten Tieren überhaupt: Vor allem die grossen Arten wie Silber- und Mittelmeer- oder Herings- und Mantelmöwen kommunizieren komplex miteinander und haben eine hochentwickelte Sozialstruktur.
Silbermöwen rangeln um ein Stück Brot. Die Dreisteste gewinnt oft.
Viele Möwenarten haben gelernt, mit Menschen oder in ihrer Nähe zu leben; sie legen in der Regel die meiste Scheu ab, wirken eher cool und distanziert. So bedienen sie sich auf landwirtschaftlichen Flächen gern an Würmern und Bodeninsekten, ja sogar an Sämereien!
In Möwenkolonien werden ungeliebte Nachbarn gemeinsam so lange gemobbt und bedrängt, bis sie sich einen neuen Nistplatz suchen. Möwen belästigen Raubtiere, und sie vertreiben gezielt und gemeinsam Eindringlinge. Manche Möwenarten benützen Werkzeug, um an Nahrung zu kommen: Heringsmöwen wurden dabei beobachtet, wie sie Brotstücke als Köder zum Fischfang einsetzen.
Andere Arten verlassen sich auf einen geschickten «Kleptoparasitismus»: Sie überfallen andere Meeresvögel, die gerade einen Fisch ergattert haben. Sie bedrängen sie in wilden Flugmanövern so lange, bis diese ihre Beute wieder auswürgen und sich aus dem Staub machen.
Möwen wurden auch beobachtet, wie sie sich von lebenden Walen ernähren, indem sie auf deren Rücken landen und Fleischstücke aus ihnen heraushacken.
Zugegeben, sehr sympathisch tönt das alles nicht, aber Moral spielt in der Natur ja nur eine kleine Rolle. Möwen sind auf jeden Fall mit sehr vielen Talenten ausgestattet, die es ihnen ermöglichen, mit den unterschiedlichsten Lebensräumen und Situationen zurecht zu kommen. Sie sind schlicht faszinierend!
Wir können sehr viele verschiedene Rufe bei Möwen unterscheiden. Es gibt bei jeder Art einen Hauptruf, der je nach Absicht und Situation in verschiedenen Varianten geäussert werden kann. Ausserdem unterscheidet man Schnappruf, Balz- und – eine besonders langgezogene und klagende Variante – den Wolllustruf. Stakkatoruf (ein tiefes und gackerndes ha-ha-ha! oder gä-gä-gäg) bei Fluchtbereitschaft, Jauchzen – bei der Silbermöwe tönt das wie aau aau au kjiiiau kjau kjau – tiefes und hohes Bellen, Katzenruf – als positives Verhältnis zu Partner, Nest und Jungen – sind weitere Beispiele von Möwensprache! Dazu kommen noch die vielen Laute der Jungvögel. Und bei jeder Art tönts sowieso noch einmal anders. Mit «Möwengeschrei» wird man den vielfältigen Lautäusserungen also nicht gerecht.
Möwen nisten in grossen, oft dicht gepackten und sehr lauten Kolonien. Innerhalb der Kolonien verteidigen sie winzige Reviere. Die Partner scheinen über die Jahre recht monogam zu sein, wenn auch nicht sehr streng.
Paarung bei Silbermöwen
Üblicherweise legen die Weibchen zwei oder drei gesprenkelte Eier in Nester, die sie aus Pflanzenteilen gebaut haben. Die Nester werden von den Erwachsenen erbittert und aggressiv verteidigt, sowohl gegen die unliebsamen nachbarlichen Artgenossen als auch gegen andere Vögel oder Säugetiere. Die Jungen schlüpfen nach 3-5 Wochen und können dann bereits sehen und stehen; sie bleiben jedoch als Nesthocker je nach Art bis zu zwei Monate im Nest. Ein roter Fleck am Schnabel einiger Möwenarten wurde zum berühmten Studienobjekt: Sehen die Jungen einen gelben Schnabel mit einem roten Fleck, dann beginnen sie sofort zu betteln. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um einen elterlichen Schnabel oder um eine gelbe Attrappe handelt (Niklaas Tinbergens Schlüsselreiz).
Der scharfe Blick der Silbermöwe
Die grossen Möwen-Arten benötigen bis zu vier Jahre, um ihr Adultgefieder zu erreichen, die kleineren schaffen dies in zwei Jahren. Die Bestimmung der Grossmöwen ist deshalb nicht immer ganz einfach! Möwen leben in der Regel lange: Den verbürgten Rekord hält eine Heringsmöwe mit 49 Jahren.
Wenn man einen Liter Meerwasser solange einkocht, bis alles Wasser entwichen ist, dann bleiben 35 Gramm einer Salzmischung zurück. Das passiert übrigens in der Gezeitenzone im Hochsommer manchmal, wenn ein kleiner Gezeitentümpel in der Sommerwärme vollständig austrocknet. Es bleibt nur eine Mini-Salzwüste übrig, in der es sich auch als abgebrühtes Gezeitenzonentier nicht mehr leben lässt.

Salzgewinnung auf der Ile d'Oléron - die Salinen bieten vielfältigen Lebensraum
Der grösste Teil des Meersalzes - es sind etwa 90% - ist Natriumchlorid, unser Kochsalz. Den grössten Teil des Rests machen Magnesium-, Kalzium-, Kalium- und Sulfationen aus. Und dann gibt es natürlich noch diejenigen chemischen Komponenten, die es im Meerwasser zwar nur zu geringen Anteilen gibt, die aber für die meisten Meerestiere essentiell sind, die sogenannten Spurenelemente. Insgesamt sind im natürlichen Meerwasser etwa 70 chemische Elemente enthalten, sogar Gold, Silber und Uran.
Meeresforscher - Ozeanographen und Meeresbiologen - benützen heute für den Salzgehalt des Meerwassers die Einheit „Practical Salinity Units“, kurz PSU, welche im Resultat identisch ist mit der früheren Einheit "Gramm Salz pro Liter Meerwasser". Eine gängige Variante ist auch die Angabe des Salzgehalts in Prozent oder Promille. Oft wird - vor allem bei Aquarianern - auch die ungenauere Angabe der Dichte des Meerwassers als Indikator für die Salinität verwendet. Die Dichte ist allerdings nicht nur vom Salzgehalt, sondern ebenso von der Temperatur abhängig.
Der Salzgehalt der Meere ist variabel. Ein Beispiel: In der Ostsee finden wir ein Gemisch aus dem einströmenden salzigen Wasser der Nordsee, dem Süsswasser der Flüsse und des doch reichlichen Regenwassers. Hinzu kommen natürlich die jahrenzeitlichen Schwankungen, vor allem, wenn im Frühjahr das Schmelzwasser Skandinaviens in die Ostsee flutet. Richtung Norden und Osten wird der Salzgehalt in der Ostsee laufend geringer. Er variiert von 15–18 PSU im Westen und nur noch 3-5 PSU beispielsweise in Finnlands Gewässern.

Salzgewinnung in der Südbretagne - hier gibt es viel Lebensraum für Vögel und ihre Nahrung.
Im Roten Meer finden wir Salzgehalte von 36-41 PSU und im Mittelmeer von etwa 38 PSU, lokal bis 40 PSU. Wir sehen, das Meeressalz ist nicht überall gleich verteilt. Aber woher kommt das Salz im Meer denn nun? Welches ist seine Quelle?
Das Süsswasser in Flüssen und Seen ist nicht süss, sondern sehr salzarm. Wir können darin die Salze nicht schmecken. Aber sie sind vorhanden. Ihre Konzentration liegt meist unter 1 PSU. Das Regenwasser enthält überhaupt keine Salze, aus dem Regen können sie also nicht kommen.
Es gibt an vielen Orten auf der Erde Quellen und sogenannte Senken von Meersalz. Regenwasser enthält - weil die Regentropfen durch die Atmosphäre nach unten fallen - geringe Mengen an Kohlendioxid. Sobald dieses in Regentropfen gelöst ist, bildet sich Kohlensäure. Deshalb ist Regenwasser auch leicht sauer, es hat einen pH-Wert von 5,6-5,8. Die Säure löst Mineralsalze aus Boden und Gestein, und über Bäche, Flüsse und Ströme gelangen diese Mineralien ins Meer. Dort verdunsten über die Jahrtausende gigantische Mengen an Wasser, die Mineralien jedoch bleiben gelöst im Meerwasser zurück und machen das Meer salzig.
Gleichzeitig tritt aus unzähligen hydrothermalen Quellen am Meeresgrund heisses Mineralwasser ins Meer aus, und auch unterseeische Vulkanausbrüche können riesige Mengen unterschiedlichster Salze ins Meer befördern.
So müsste das Meerwasser eigentlich immer salziger werden. Das tut es aber nicht. Heute weiss man, dass die Ozeane seit Hunderten von Millionen Jahren einen mehr oder weniger konstanten Salzgehalt haben. Ein ausgeglichenes Salzbudget scheint sich im Meer durchgesetzt zu haben. Warum bloss?
Der Grund dafür liegt am (Meeres-)Grund. In den Tiefen der Ozeane entstehen aus Meersalz und anderen gelösten Substanzen ständig Mineralien. Diese fällen aus und sedimentieren, und sie gehen nicht mehr oder nur in geringem Ausmass wieder in Lösung.
Auch viele Meeresorganismen entziehen dem Meerwasser fortwährend Kalzium, um ihre Kalkschalen und Skelette zu bilden. Korallenriffe oder Muschelbänke veranschaulichen dies sehr schön.
An manchen Orten taucht der Meeresboden unter andere tektonische Platten. Das können ebenfalls dünnere ozeanische Platten sein oder die viel dickeren kontinentalen Platten. Der Meeresboden besteht zu grossen Teilen aus Gestein und Sedimenten, die salz- und mineralienhaltig sind. So verschwindet ein Teil des Salzes auch ins Erdinnere! All diese Prozesse nennen wir "Salzsenken".

Die Salzkonzentration im Meer kann sich auch verändern, wenn die Wassermenge in den Ozeanen schwankt. In Eiszeiten sind jeweils enorme Wassermassen als Eis gebunden; das Wasser ist gefangen in kilometerdicken Eisschilden auf den Kontinenten und auf Inseln. Die Meeresspiegel können um mehrere hundert Meter fallen. In der letzten Eiszeit sank das Meeresniveau um etwa 120 Meter. Auch wenn die Eisschilde während der Eiszeiten gewaltig waren und die fehlenden Wassermassen das Meer salziger machten, waren die entstandenen Salzgehaltschwankungen doch nur sehr gering. Bei einer Tiefe der Ozeane von durchschnittlich fast 4000 Metern erstaunt das eigentlich nicht; 100 Meter Wasserschicht mehr oder weniger machen nicht viel aus.
Wasser in Seen kann salziger sein als Meerwasser!
Seen, die in heissen Gebieten liegen und keinen Abfluss haben, können einen hohen, manchmal ähnlich hohen Salzgehalt wie die Ozeane haben. Grund dafür ist die hohe Verdunstung. Solche Seen werden durch Zuflüsse ständig mit Mineralien versorgt, das Wasser verdunstet ebenso konstant und es fliesst kein Wasser ab. Folglich nimmt der Salzgehalt ständig zu. Manche solcher Seen sind deutlich salziger als das Meer.
Das "Tote Meer" in Israel und der "Grosse Salzsee" in Utah sind beides Seen. Sie haben die zehnfache Salzkonzentration wie die Ozeane!
Der salzigste See der Erde liegt erstaunlicherweise nicht in einer heissen Wüste: Der winzige "Don-Juan-See" ist nur 300 Meter lang, 100 Meter breit und 10 Zentimeter tief! Er liegt in der Eis-Wüste der Antarktis in einem bitterkalten Trockental. Auch er hat keinen Abfluss. Dafür aber zwischenzeitlich einen Zufluss aus einer Gletschersohle, und der bringt immer etwas Mineralien ein. Die Salzkonzentration des Mini-Sees erreicht 400 PSU (!), sie ist also 11,5 mal so hoch wie Meerwasser. Zufrieren ist bei diesem Salzgehalt selbst bei antarktischen Temperaturen (fast) nicht mehr möglich. Das Wasser des Don Juan Sees gefriert erst bei Minus 51°C!
In der Bretagne wird auch heute noch Salz aus Meerwasser gewonnen. Vor allem in Guérande, in der Nähe von Saint-Nazaire, werden ausgedehnte Salzfelder nach wie vor bewirtschaftet. Das graue Meersalz und das feine "Fleur de sel" sind sehr beliebt. Ich liebe beide. Ich werde darüber bald einen Blogartikel schreiben.

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Warum die Antwort wenigstens zum Teil falsch ist, und woher die Farbe des Meeres wirklich kommt, erfährst du hier. Aber ich muss zuerst kurz ausholen...
Als Kind war ich einmal bei einem Freund zum Schwimmen im Einfamilienhaus-eigenen Swimmingpool eingeladen. Das war toll. Meine Familie lebte in einem genossenschaftlichen Wohnblock, und da gab es natürlich keinen Pool. Ich erinnere mich gut, wie sehr mir das schöne Hellblau des Pools damals gefallen hat. Als ich – vielleicht wars ein halbes Jahr später – im Winter denselben Pool wiedersah, war ich enttäuscht und verwundert. Fort war das schöne Hellblau… Das Becken war leer, es hatten sich ein paar welke Blätter darin angesammelt. Und der Pool war, welche Überraschung, komplett WEISS. Die sommerliche blaue Farbe kam also nicht von einem hellblauen Anstrich des Beckens... kam sie vielleicht aus dem Wasser selbst? Allerdings ist Wasser doch farblos...
Ein Schwarzbrauen-Albatros vor dem tiefen Blau des Südpolarmeeres
Viele Jahre später kam mir beim Tauchen im Mittelmeer der weisse Pool wieder in den Sinn, der im Sommer so schön blau schimmerte. Je tiefer man ins Meer abtaucht, desto gedämpfter wird das Licht und desto farbloser werden Tiere und Pflanzen. Knapp unter der Wasseroberfläche explodieren die Farben förmlich, weiter unten wird ohne Zusatzbeleuchtung alles blassblaugrau. Warum ist das so?

Eine rote Hornkoralle erscheint in 40 Metern Tiefe blaugrau.

Dieselbe rote Hornkoralle in derselben Tiefe, aber mit einem Blitz beleuchtet.
Sonnenlicht besteht aus Strahlung unterschiedlicher Wellenlängen, wie beim Regenbogen. Du kennst das ja. Das Spektrum reicht von – für uns – unsichtbarem Ultraviolett, über Blau, Grün, Gelb und Rot bis zum wiederum unsichtbaren Infrarot. Wenn Sonnenlicht durch die Meeresoberfläche scheint, dann wird es mit zunehmender Tiefe vom Wasser absorbiert. Das Wasser nimmt quasi die Energie des Lichts auf und verschluckt es. Deshalb ist auch in den klarsten Meeresgebieten in 200 Metern Tiefe bloss noch 1% der ursprünglichen Lichtmenge vorhanden, unterhalb von tausend Metern Tiefe gibt es überhaupt kein Sonnenlicht mehr.
Die unterschiedlichen Lichtfarben werden nun auch noch in unterschiedlichem Ausmass aus dem Wasser gefiltert: Zuoberst verschwindet schon nach wenigen Zentimetern das Infrarot. Das bemerken wir nicht mit den Augen, aber mit unseren Wärmerezeptoren auf dem Rücken:
Wer an der Wasseroberfläche schnorchelt, spürt die wärmende Infrarotstrahlung der Sonne. Kaum taucht man ein paar Zentimeter unter, verschwindet das Wärmegefühl.
Dazu noch eine Anekdote: Ich wolle vor einigen Jahren mit einer Nachtsichtkamera Aquarienfische bei Nacht aufnehmen. Die Kamera war sensibel für Infrarot-Licht. Also beschaffte ich mir eine Infrarot-Lampe (deren Licht können wir und auch die Fische nicht sehen, also stört das Licht die Tiere nicht) und legte los. Es war enttäuschend: Das Infrarot drang lediglich ein paar wenige Zentimeter tief ins Wasser ein und wurde dann absorbiert, die Fische blieben auf den Bildern praktisch unsichtbar im Dunkeln verborgen.
Zurück zum Meeresblau:
Nach etwa fünf Metern sind alle Rottöne verschwunden, sie erscheinen graublau und flau, der rote Lichtanteil wird vom Wasser ausgelöscht. In fünfzehn Metern Tiefe fällt orange aus, in dreissig Metern gelb, und unterhalb von fünfzig Metern ist auch jegliches Grün verschwunden. Alles ist hier bläulich-grau. Schlicht, weil alle anderen Farbanteile vom Wasser geschluckt wurden.
Nun wird auch klar, was mit dem weiss gestrichenen Swimmingpool geschehen war: die Füllung mit zwei Meter klarem Wasser filterte bereits einen bestimmten Lichtanteil heraus, nämlich den roten. Wenn eine Spektralfarbe fehlt, verschiebt sich die Lichtfarbe in die Richtung der Komplementärfarbe, hier also in Richtung blau.

Eine Edelkoralle aus dem Mittelmeer, ebenfalls in 40 Metern Tiefe.

Dieselbe Edelkoralle im Blitzlicht
Dass das Meer so wunderschön tiefblau erscheint, liegt daran, dass das eindringende Sonnenlicht mit zunehmender Tiefe gefiltert wird. Das zurückgeworfene Licht – das, welches wir dann sehen können – enthält nun lediglich die noch übrigen Spektralanteile. In der Regel ist dies ein tiefes Blau.
Tatsächlich reflektiert der blaue Himmel auch auf der Meeresoberfläche und kann das Meeresblau verstärken. Aber das Meer ist auch bei grauem Himmel blau.
Sogar bei Eis ist der Effekt zu erkennen, wenn es nur mächtig genug ist.
Ist der Meeresgrund nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche, erscheint das Wasser heller. Und nur ganz schwach blau. Je nach Farbe des Untergrunds entstehen Farbüberlagerungen. Die dunkelgrünen Seegraswiesen erzeugen im Hellblau des Küstenwassers fast schwarze Flecken. Und das traumhafte Türkis an tropischen Stränden – oder in der BRETAGNE (!) – entsteht durch ein Hellblau des seichten Wassers und der Unterlagerung von hellgelbem Sand.
Hier kommt das hübsche Hellblau des antarktischen Wassers durch überflutete Eismassen zustande
Die Wasser der Nordsee und des Ärmelkanals sind oft nicht einfach blau. Häufig erscheint das Meer dort grün oder bräunlich.
Die grüne Meeresfärbung kommt durch einzellige, mikroskopisch kleine Grünalgen zustande, die sich hier stark vermehren können. Grünalgen enthalten wie Landpflanzen den Photosynthese-Farbstoff Cholorophyll. Für die Photosynthese absorbiert Chlorophyll vorwiegend rotes Licht, grünes hingegen wird reflektiert. Deshalb erscheinen uns die meisten Pflanzen in einem grünen Kleid... Und der Ärmelkanal grün.
In arktischen und antarktischen Gewässern treten oft riesige hell- bis rötlich-braune Flächen auf. Dort ist dann weit und breit kein Meeresblau vorhanden. Dafür wimmelt es nur so von wenige Zentimeter langen Tierchen: Milliarden von Krill-Krebsen sammeln sich in riesigen Schwärmen und färben so das Wasser bräunlich ein. Krill vermehrt sich jahreszeitlich massenhaft und ist eine Schlüsselart in den polaren Nahrungsnetzen. Unter anderem leben Pinguine und die riesigen Bartenwale davon.
Unter besonderen Umständen kann sich das Meer sogar rot verfärben. Wenn bestimmte einzellige Algen, Cyanobakterien oder Dinoflagellaten in Massen auftreten, können die gefürchteten «red tides» entstehen. Rote Fluten sind starke Algenblüten. Sie können - entgegen ihrem Namen - auch andere Farben wie grün oder blau annehmen. Manche dieser Einzeller produzieren Gifte und sorgen dafür, dass es zu Schäden an Korallenriffen oder zu Fischsterben kommt. Sie können aber auch zu wunderschönem Meeresleuchten führen.
In Küstennähe oder in flachen Meeresgebieten wird oft feinstes mineralisches Material oder Schlamm aufgewühlt und im Wasser verteilt. Diese Partikel streuen das Sonnenlicht und geben dem Meer eine eher bräunlich-graue Färbung.

Die durchschnittliche Tiefe, bei welcher die verschiedenen Lichtfarben verschwinden.
By Thomei08 - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24844937
Im folgenden Video wird alles noch einmal ganz deutlich erklärt:
Die Tiefen der Meere bilden zwar den grössten Lebensraum der Erde, es ist aber auch derjenige Lebensraum, der am wenigsten erforscht ist. So unglaublich es klingt, man weiss über die Oberfläche des Mondes mehr als über den Meeresboden.
Die Erforschung der Tiefsee hat eben erst begonnen. Bis 2012 hatte nur ein einziges bemanntes U-Boot den Grund des Marianengrabens auf 11‘000 Metern Tiefe je erreicht: der «Bathyscaphe Trieste», bemannt von Jacques Piccard und Don Walsh.
Erst 1977 wurden die hydrothermalen Schlote und ihre einzigartigen Organismen entdeckt. Sie haben unsere Vorstellungen vom Leben, seinen Energiequellen und der Anpassungsfähigkeit der Tiere und Pflanzen revolutioniert.

Von P. Rona / OAR/National Undersea Research Program (NURP); NOAA - NOAA Photo Library, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=262511
Vermutlich gibt es noch unzählige weitere grosse Entdeckungen, die auf dem Grund des Ozeans auf uns warten. Aber es ist nicht einfach, die Tiefsee zu ergründen.
Die Forschung in tiefen Gewässern ist sehr teuer: Es gibt weltweit nur eine Handvoll Tauchboote, die die extremen Umgebungsdrücke der Tiefsee überstehen, und Expeditionen sind personal- und materialaufwändig. Es gibt nur wenige Meeresforschungsinstitute, die über genügend Mittel verfügen.
Ein gänzlich unerwartetes Problem ist in den letzten Jahren aufgetaucht: Die modernen Tiefseeexpeditionen sind zwar sehr erfolgreich. Es kommen viele neu entwickelte Geräte, wie unbemannte Unterwasserfahrzeuge und ganz neue Methoden der Probenentnahme zu Einsatz. Und es gibt momentan sehr viele Entdeckungen und Erkenntnisse. Laufend werden neue Tierarten entdeckt. Aber das ist fast schon ein Problem: «Zuviele neue Arten» behindern die Forschung. Die Meeresbiologen kommen mit der Beschreibung neuer Arten kaum mehr hinterher. Es gibt zu wenige Spezialisten.
Immerhin gibt es heute viele gefestigte Zahlen, vorwiegend zu den Dimensionen der Tiefsee, und Fakten aus den letzten Jahrzehnten der Tiefsee-Forschung:

Die Mittelozeanischen Rücken durchziehen als gigantisches Gebirge alle Ozeane.
Von Berann, Heinrich C., Heezen, Bruce C., Tharp, Marie. - https://picryl.com/media/manuscript-painting-of-heezen-tharp-world-ocean-floor-map-by-berann, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75218297
Erstaunlicherweise gibt es mehrere Definitionen:
1. Die Tiefsee beginnt dort, wo kein Sonnenlicht mehr hinkommt. Meist ist dies bei 800-1000 Metern Tiefe der Fall.
2. Die Tiefsee beginnt dort, wo nicht mehr genug Licht für Photosynthese hingelangt. Das sind je nach Meeresgebiet etwa 100-200m Tiefe.
3. Die Tiefsee liegt unterhalb der sogenannten Thermokline, also dort, wo die Wassertemperatur sprunghaft auf wenige Grad Celsius absinkt. Das ist üblicherweise eine Tiefe zwischen 1200-1800 Metern.
4. Die Tiefsee beginnt am Rand des Kontinentalsockels. Dort fällt die Meerestiefe vom Schelf – das ist das Meeresgebiet, das noch AUF dem Kontinentalsockel liegt – von typischen 150-200 Metern auf rund 4000 Meter Tiefe (Tiefseeboden) und mehr ab.
Benützen wir doch die vierte Definition, ich finde sie die plausibelste.
Wir sinken jetzt einfach gedanklich in die Tiefe:
In den obersten 50 Metern der Ozeane produzieren vor allem einzellige Algen Unmengen an Sauerstoff und Nährstoffen. Ihre Photosyntheseleistung ist DER Motor des Meereslebens, Sie versorgen ein weitreichendes Nahrungsnetz aus Plankton, Fischen, Vögeln und Meeressäugern mit Nahrung, sie machen vielfältiges und dichtes Leben im Meer erst möglich. In diesen obersten Schichten leben die allermeisten marinen Arten.
Je tiefer wir sinken, desto dunkler wirds, und desto weniger können die Algen das Sonnenlicht in Zucker umwandeln. Es wird auch immer kühler, der Stoffwechsel der meisten Tiere verlangsamt sich. Trotzdem wimmelt es hier noch von Leben.
Die «Tiefsee im weiteren Sinn» beginnt bei 150-200m Tiefe ausserhalb der Kontinentalsockel. Dort ist es bereits ziemlich dunkel. Die Temperatur ist bereits viel tiefer als an der Oberfläche.

Manche Laternenfische sind Vertikalwanderer. Sie wandern zwischen Tiefsee und Oberfläche.
Unterhalb von 200 Meter beginnt die sogenannte «Dämmerzone», sie heisst auch Mesopelagial – in der es zwar noch geringes Restlicht gibt. Der Sauerstoffgehalt des Wassers nimmt stark ab, denn es gibt keine Pflanzen mehr, die Sauerstoff produzieren könnten. Die Dichte des Planktons ist geringer als weiter oben. In dieser Tiefe werden also bereits keine Nahrung und keine Nährstoffe mehr durch den Einfluss des Sonnenlichts produziert.
Viele Fische ziehen sich aus höher gelegenen Schichten tagsüber in diese Region zurück, um nicht gefressen zu werden. Sie steigen nachts im Schutz der Dunkelheit auf, um das nahe der Oberfläche reichliche Futterangebot zu nutzen.
Der Druck beträgt in 1.000 Metern Tiefe bereits 100 bar (100 Kilogramm pro Quadratzentimeter). Die Temperatur sinkt in der Zone zwischen 500 m bis 1500 m plötzlich von 5 °C auf knapp über 0 °C.
Von 1000 Meter an abwärt beginnt die «eigentliche Tiefsee». Diese Schicht heisst auch Bathyal. Hierhin dringt von oben auch kein noch so kleiner Lichtrest. Dunkel ist es aber trotzdem nicht: Viele Tiere und Bakterien erzeugen Licht in Form von Biolumineszenz. Ansonsten herrschte hier totale Finsternis.
Wir gelangen auf den Tiefseeboden (Abyssal). Der liegt auf durchschnittlich 4.000 Metern Tiefe. Der Druck beträgt 400 bar. Die Temperatur ist nahe am Gefrierpunkt. Es hat auch hier noch Tiere, aber ihre Vielfalt und ihre Anzahl hat stark abgenommen.
Die Meeresböden sind nicht flach, sie sind von Gebirgen und Gräben durchzogen.
Die Tiefseegräben (Hadal) reichen von 6’000-11'000 Meter Tiefe. Die Temperatur liegt nahe am Gefrierpunkt. 600 bis 1100 Kilogramm drücken pro Quadratzentimeter auf jedes Objekt. Aber auch hier gibt es Lebewesen.
Der Druck nimmt mit zunehmender Tiefe linear zu: Pro zehn Meter Tiefe erhöht sich der Druck um eine Atmosphäre, also um 1 Kilogramm Druck pro Quadratmeter (=101.325 hPa oder 1'013.25 mbar, 1 Hektopascal hPa entspricht einem Millibar). In Hundert Metern Tiefe erduldet ein Taucher einen Druck von 11 atm, in 1000 Metern belasten ihn 101 Kilogramm pro Quadratmeter. Das hält kein Mensch aus.
1521: Ferdinand Magellan lässt ein 700 Meter langes Seil von seinem Schiff hinab ins Meer. Er kommt zum Schluss, dass «das Meer unendlich tief» sei.
1818: Erstmals wird in der Tiefsee Leben nachgewiesen. Sir John Ross holt mit einer Greifvorrichtung Wurm- und Quallenarten aus 2000 m.
1844: Edward Forbes stellt fest, dass die Anzahl der Lebewesen mit der Tiefe abnehme. «Ab 600 Metern Tiefe gibt es kein Leben mehr» behauptet er kühn und begründet damit die sogenannte Abyssus-Theorie (Azoic Hypothesis). Er widerspricht damit Sir John Ross scharf.
1850: Michael Sars findet vor den Lofoten in einer Tiefe von 800 Metern eine reiche Tierwelt vor und widerlegt damit die Abyssus-Theorie bereits wieder.
1860: Im Mittelmeer wird ein drei Jahre zuvor auf 2'000 Metern Tiefe gelegtes Telegrafiekabel eingeholt. Es ist voll bewachsen mit Meeresorganismen. Dies ist der Beweis!
1872–1876: Es findet die erste Expedition zur systematischen Erforschung der Tiefsee statt, die sogenannte Challenger-Expedition (HMS Challenger). Sie liefert unglaublich viele neue Ergebnisse und ist wohl bis heute eine der wichtigsten Meereserforschungs-Expeditionen.
1930: Erstmals erreichen Menschen die «Tiefsee». William Beebe und Otis Barton tauchen in einer Stahlkugel mit Bullauge, der «Bathysphere», 435 Meter in die Tiefe und sind dort von Quallen und Garnelen umgeben.
1948: Otis Barton erreicht eine Tiefe von 1370 m.
1950-er Jahre: Auguste Piccard erfindet den «Bathyscaphe» und setzt den «Bathyscaphe Trieste» für die Tiefseeforschung ein.
23. Januar 1960: Jacques Piccard (CH) und Don Walsh (USA) tauchen mit dem «Bathyscaphe Trieste» im Marianengraben ab. Die «Trieste» stösst in 10.740 Meter Tiefe auf den Meeresboden (Triestetief): Es wird ein Druck von 1070 bar gemessen! Sie beschreiben Fische und andere Lebewesen mit sehr grossen Mäulern und Leuchtorganen.
Der Tiefenrekord von Auguste Piccard blieb bis 2012 bestehen!

23. Januar 1960: Jacques Piccard (CH) und Don Walsh (USA), mit dem «Bathyscaphe Trieste», 10.740 m (Triestetief)
Von Autor unbekannt - Retrieved from NH 96801 U.S. Navy Bathyscaphe Trieste (1958-1963), Art collection, U.S. Naval History and Heritage Command website. Released by the U.S. Navy Electronics Laboratory, San Diego, California., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=209622
2012: James Cameron: Die «Deepsea Challenger» (ein 7,3 Meter hohes Tiefsee-U-Boot) erreicht am 26. März 2012 mit Filmproduzent James Cameron den Grund des Challengertiefs, in 10.898 Metern.
2019: Zwischen dem 28. April 2019 und dem 7. Mai 2019 wurden mit dem Tauchboot «Limiting Factor» vier Tauchgänge im Challengertief und ein Tauchgang im Sirenatief absolviert: 10928m.
28. April 2019: Victor Vescovo dringt mit der «Limiting Factor» in die neue Rekordtiefe von 10.928 Metern vor (Challengertief).
Ausserdem kannst du hier den „NZZ Telefonbeantworter“ zum Thema Tiefseefische hören.
NZZ Podcast "Tiefseefische mit Thomas Jermann - NZZ Telefonbeantworter"
Viel Spass!
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Es gibt sehr viele Muschelarten. Berühmt sind zum Beispiel Miesmuschel, Auster und Pilgermuschel. Folglich möchte man meinen, dass auch das Sexleben der Muscheln sehr vielseitig wäre. Ist dem wohl so? Wie läuft das mit der Fortpflanzung der Muscheln?
Die Forscher sind sich nicht ganz einig, wieviele Muschelarten es nun tatsächlich sind. Ich kann das verstehen, Tiersystematik ist ein schwieriges Pflaster. Manchmal unterscheiden sich die Arten nur ganz undeutlich in ganz kleinen Details ihrer Schalen… Wir können aber davon ausgehen, dass es zwischen 9’000 und 10’000 verschiedene Arten gibt. Hinzu kommen etwa 20'000 bekannte ausgestorbene und fossil erhaltene Arten.
Im Meer leben etwa 8'000 verschiedene Muscheln. Die meisten davon sind getrennt geschlechtlich, das heisst, es gibt männliche und weibliche Tiere.
Die Miesmuschel bildet an der Nordküste der Bretagne Muschelbänke
Meeresmuscheln bewegen sich in der Regel nicht weit fort, sie können also keine ausgiebigen Wanderungen zur Partnersuche unternehmen. Es gibt meist auch keine innere Befruchtung, und somit auch keine Begattung, also keine Paarung. Muscheln haben einen anderen, sehr effizienten Weg zur Fortpflanzung gefunden – denselben, wie die meisten anderen Meerestiere übrigens auch: die äussere Befruchtung.
Muscheln verzichten auf die Paarung und haben damit schon die Gefahr, während Werbung, Balz und Paarung gefressen zu werden, eliminiert. Praktisch, aber vielleicht etwas spannungslos, nun ja… Jedenfalls stossen sie – meist durch Duftstoffe im Wasser synchronisiert – ihre Geschlechtszellen, Eier und Spermien, einfach ins Umgebungswasser aus.
Weibchen der Miesmuschel können bis zu dreimal im Jahr jeweils 5 bis 12 Millionen Eier abgeben. Die befruchteten Eier sind enorm klein: etwa 65 Tausendstelmillimeter! Das ist etwa so gross wie der Durchmesser eines Haares...
Miesmuscheln bilden im Gezeitenbereich Muschelbänke. Während der Ebbe kommen viele Miesmuscheln ohne Wasser aus.
Hier beginnt dann eine abenteuerliche Reise mit den Strömungen durchs Meer: Die Männchen haben gleichzeitig ihre Spermien abgegeben. Diese finden die Eier über den Geruch und versuchen sie zu befruchten. Ist dies von Erfolg gekrönt, entwickelt sich im Ei ein Embryo.
Der Muschelembryo durchläuft nun mehrere Larvenstadien. Alle Stadien werden im Meer treibend durchlebt, als Teil des Planktons, jener Gemeinschaft der im Wasser schwebenden Tiere und Pflanzen. Darüber schreibe ich bald einen weiteren Artikel.
Das erste Stadium ist die sogenannte «Trochophora-Larve». Die ist birnenförmig bis rund, mikroskopisch klein und hat mehrere Reihen von Wimpern, die sich rhythmisch bewegen. Das hält die Larve in Schwebe. Sie soll ja in den obersten Meeresschichten bleiben, denn nur dort hat es viel Nahrung.

Trochophora-Larve (en.wikipedia.org/wiki/Trochophore)
Die Trochophora-Larven leben zwar vorallem vom mitgeführten Eidotter, ähnlich wie ein Hühnerembryo. Sie müssen also noch nicht oder nur wenig Nahrung zu sich nehmen. Aber das ändert sich spätestens mit dem nächsten Larvenstadium, der sogenannten Veliger-Larve.
Video einer Veliger-Larve (Schnecken-Veliger)
Video einer Veliger-Larve (Muschel-Veliger)
Auch die Veliger-Larve ist Teil des treibenden Planktons. Spätestens hier beginnt die junge Muschel zu fressen. Meist sind dies die mikroskopisch kleinen Kieselalgen oder einzellige Grünalgen, also anderes Plankton.
Typisch sind ihre lappenartigen Fortsätze, die aussehen wie kleine Flügel, und die mit Wimpern besetzt sind. Diese «Segel» dienen der Fortbewegung und der Aufnahme der Nahrung. Bei manchen Muschelarten können die Veliger-Larven über viele hundert Kilometer verdriftet werden, andere Arten schaffen es nur wenige hundert Meter weit.
Im Veliger-Stadium bildet die Muschel auch die Schale aus. Bei Muscheln teilt sich die ursprünglich oben liegende Schale in der Mitte in zwei Hälften. Die beiden Teile umschliessen dann den Larvenkörper. Fast ist die Muschel schon fertig! Aber es fehlt noch eine Metamorphose zum Adultstadium, die Umwandlung vom frei schwimmenden Planktontier zum bodenbewohnenden Müschelchen. Diese kann etwa zwei Tage dauern. Oft geht sie noch schneller vonstatten.
Die «Segel» – die Vela – werden abgebaut, und die Muschel erhält ihre endgültige Form. Jetzt sinkt sie zu Boden und muss darauf hoffen, dass sie an einem günstigen Ort «landet». Eine Auster braucht beispielsweise einen felsigen Untergrund im Flachwasser, eine Pilgermuschel muss auf Sandboden landen, damit sie nachher gute Lebensbedingungen hat.
Austernbank bei Ebbe. Gut getarnte Steinwälzer auf Nahrungssuche
Miesmuscheln und Austern können sich als Jungmuscheln ein paar Tage und Wochen vom Meer umhertragen lassen, bis sie einen guten Ort gefunden haben. Danach bleiben sie an dieser Stelle. Miesmuscheln siedeln vor allem dort, wo schon Artgenossen sind. Dort lässt es sich offenbar gut leben.
Die Entwicklung über planktonische Larvenstadien ist gefährlich, die meisten werden von anderen Planktontieren gefressen, bevor sie sich zum Erwachsenen umformen. Deshalb produzieren Muscheln, aber auch andere Meerestiere, in der Regel unglaublich viele Junge, um die grosse Sterblichkeit auszugleichen. Die meisten marinen Muscheln vermehren sich nach diesem Muster.
Die Pazifische Auster beispielsweise produziert pro Laichvorgang 50 bis 100 Millionen Eier! Wenn im ganzen Leben dieser Auster zwei Jungtiere überleben, dann ist die Art gesichert... Ein Junges ersetzt die Mutter, eines den Vater. Es ist genau gleich wie bei uns.
Schalen von Schwertmuscheln
Einige Muschelarten haben aber eine innere Befruchtung. Bei Austern beispielsweise gelangen die Spermien mit dem Atemwasser in den Körper des Weibchens und befruchten die Eier. Dort entwickeln sich die Embryonen gut geschützt, und Mutter Auster entlässt schon wenig später bereits weit entwickelte Veliger-Larven (s. o.). Das verringert die Kindersterblichkeit erheblich…
Atemöffnung einer Riesenmuschel
Austern gehen bezüglich Fortpflanzung eigene Wege
Austern sind zweigeschlechtlich, also zwittrig (sogennanter Hermaphroditismus), wobei bei den verschiedenen Austernarten auch unterschiedliche Ausprägungen von «Zwittrigkeiten» zu unterscheiden sind.
Die Pazifische Auster wächst als Männchen heran, und dies bleibt im ersten Jahr auch so. Im zweiten Jahr wechselt ein Teil der Population ihr Geschlecht und wird weiblich. Diese Weibchen bleiben dann Weibchen.
Pazifische Felsenauster in der Bretagne
Die Europäischen Austern sind flatterhafter: Sie sind im ersten Jahr meistens – aber nicht ausschliesslich – männlich. Dann wechseln sie immer wieder ihr Geschlecht, man nennt das dann „konsekutiv rhythmische Hermaphroditen“. Tönt doch gut, oder?
Nur selten findet man in einer Austernpopulation ein unausgewogenes Verhältnis von männlichen und weiblichen Tieren. Umweltfaktoren wie Nahrungsangebot oder Temperatur bestimmen die Aktivität des Geschlechtswechsels. Bei üppigem Nahrungsangebot bilden sich mehr Weibchen, und somit gibt es auch mehr Nachwuchs!
Austernzucht in der Bretagne
Nun noch ein exotisches Beispiel aus dem europäischen Süsswasser: In den meisten einheimischen Tümpeln und Seen lebt die Grosse Teichmuschel. Teichmuscheln sind Zwitter. Sie produzieren an die 600’000 Eier aufs Mal. Die Eier werden in den Spalträumen zwischen den Kiemen gehütet, dort werden sie auch mit Spermien, die durchs Atemwasser eingespült werden, befruchtet.
Die Brut der Eier dauert lange, die Larven überwintern im Elterntier und werden im Frühling einfach ausgespuckt. Die Larven sehen sehr speziell aus: Sie haben bereits eine kleine zweiklappige Schale, deren Rand mit grossen Haken versehen ist. Solche Larven heissen Glochidien und sind einzigartig. Glochidien kommen nur bei Fluss- und Teichmuschelverwandten vor. Teichmuscheln durchlaufen kein Veligerstadium.
Fische, die sich der Larve nähern, lösen ein Zuklappen der ansonsten offen aufgeklappten Jungtiere aus. Die Haken bohren sich in die Fischhaut. Viele Larven werden auch von den Fischen eingesaugt und hängen dann in deren Kiemen fest. Die Muschellarven leben nun vom Gewebe ihres «Wirts», sie sind echt lästige Parasiten. Sie schädigen den Fisch aber nicht über Gebühr...
Nach einer Metamorphose lösen sich die ehemaligen Larven – sie sind nun zu kleinen Muscheln geworden – vom Wirt.
Die Grosse Teichmuschel und der Bitterling, ein kleiner Karpfenfisch, leben in einer Symbiose: Bitterlinge legen ihre Eier in die Körperhöhle der Teichmuscheln. Die weiblichen Bitterlinge haben dafür während der Fortpflanzungszeit eine Art Pipeline, mit der die Eier zielgenau deponiert werden. Die Muschel brütet die Fischembryos des Bitterlings aus, gleichzeitig nisten sich die Muschellarven bei dem Fisch ein. Muschellarven, die keinen Wirt finden, verenden.
Vielleicht interessiert es dich nun, wie sich andere Tiere fortpflanzen, zum Beispiel Seepferdchen? Dann lies hier...
Die Bretagne liegt ganz im Nordwesten Frankreichs, etwas abgelegen, fern der Hektik der Haupstadt. Finis terrae – das Ende der Welt, oder eben auf Französisch «Finistère» heisst das westlichste der vier bretonischen Départements. Es liegt eigentlich schon im Atlantik. Die anderen drei auch. Die Bretagne ist fast ein Meeres-Land. Von drei Seiten vom Meer umschlossen, von oben benetzt von Regen… von unten gestützt von feuchter Erde, Granit und Urgestein.
Grosser Gezeitenstrand an der Nordküste
Um es vorweg zu nehmen: Die Bretagne ist in Sachen Urlaub nicht für jeden gleich gut geeignet. Ich habe ein paar Freunde, denen hats dort nicht besonders gefallen. Denn:
Dramatisches Licht am Ärmelkanal
« En Bretagne il fait beau – plusieurs fois par jour ! »
(In der Bretagne ist schönes Wetter – mehrmals am Tag)
Der Satz ist eigentlich eine grobe Ungerechtigkeit. Die Bretagne ist ein Schönwettergebiet! Jedenfalls wenn man das Klima mit der Schweiz nördlich der Alpen vergleicht. Klar, im Herbst und im Winter kann das Wetter bisweilen anstrengend sein, im Frühling auch. Dann gibt’s Nieselregen und Stürme. Manchmal zieht Nebel vom Meer auf. Aber vor allem das etwas harsche Wetter der kühleren Jahreszeiten zaubert traumhafte Lichtstimmungen in die Landschaft. Genau das gehört zur Bretagne, diese Dramatik, die starken leuchtenden Farben des Meeres, des Himmels und der Küstenvegetation vermitteln das «wahre bretonische Gefühl».
Bretagne für Anfänger, Tipp: Wer sich auf die Launen des Wetters einlässt, gelassen auf einen gelegentlichen Guss von oben reagiert und vielleicht sogar ein Freund von Regen und Wind ist, dem schenkt die Bretagne grandiose Landschaften, intensive Erlebnisse, tolles Essen und erfrischende Begegnungen im Urlaub.
Das ozeanische Klima der Bretagne ist an der Küste sehr mild, mit geringfügig höheren Temperaturen in der Südbretagne. Mehr über Klima und Wetter der Bretagne muss man nicht wissen… Man mag es oder man mag es nicht.
Strandgrasnelken gehören zur Küstenlandschaft der Bretagne
Die Bretagne nimmt 30 Prozent der französischen Küstenlinie ein. Insgesamt misst die Küstenlinie rund 1200 Kilometer – wenn man die vielen Buchten der zerklüfteten Küste nicht mit einrechnet. Sonst kommen wir schon auf 2700 Kilometer. Eine gewaltige Strecke ist das!
Rund um die Bretagne führt ein wunderschöner Küstenweg, man wandert immer direkt dem Meer entlang: Die «grande randonnée 34» – GR34 – muss man unbedingt gesehen und manche Teilstücke erwandert haben. Da lohnt sich das Wandern!
Die gesamte Bretagne misst 250 auf 150 Kilometer.
Es gibt rund 3.2 Millionen Bretonen.
Nirgends in der Bretagne ist man mehr als 80 Kilometer vom Meer entfernt. Das sagt schon alles!
Die Bretagne besteht aus vier Départements: Ille-et-Vilaine, Côtes d'Armor, Finistère und Morbihan. Hauptstadt ist nicht etwa Brest oder Nantes sondern Rennes. Aber das war nicht immer so: Das fünfte Département «Loire-Atlantique» (früher «Loire-inférieure») gehört zwar historisch zur Bretagne, es wurde aber 1941 mitsamt der bretonischen Hauptstadt Nantes verwaltungstechnisch von der Bretagne abgespalten. So sinds nun eben nur noch vier von fünf bretonischen Départements. Sehr zum Leid von vielen Bretonen…
Bei starken Tiden wird manche Hafenmole fast unter Wasser gesetzt
Die Gezeiten prägen das Leben an der Bretagne-Küste. Fischer, Austernzüchter und Urlauber müssen sich nach dem Rhythmus von Ebbe und Flut richten. Das immerwährende Heben und Senken des Meeresspiegels ist in der Bretagne ein ganz besonderes Erlebnis. Boote liegen bei Niedrigwasser im Schlick, und tanzen sechs Stunden später wieder auf den Wellen.
Die Gezeiten sind an der Bretagne-Küste nicht überall gleich stark. Die grössten Wasserstandsänderungen kommen an der Grenze zwischen Bretagne und Normandie in der Bucht des Mont-Saint-Michel vor. Hier steigen die Fluten bis zu 15 Meter hoch.
Nur in der Bay of Fundy in Kanada und gleich jenseits des Ärmelkanals in der Mündungsbucht des Severn bei Bristol gibt’s weltweit noch stärkere Gezeiten.
Weiter westlich im Ärmelkanal nehmen die Gezeitenhöhen kontinuierlich etwas ab, und in der Südbretagne sind sie zwar immer noch ausgeprägt, aber deutlich geringer.
Ein Gezeitenkalender ist natürlich immer sehr praktisch. So weiss man immer, ob der zu erwandernde Strand zu einer gegebenen Zeit wirklich noch ein Strand ist, oder ob er bereits in den Fluten verschwunden ist. Zu haben sind solche Gezeitentabellen z.B. in den Touristen-Informations-Zentren oder in Zeitschriften-Geschäften. Im Internet gibt es natürlich allerhand praktische Apps zu den Gezeiten.
Der Hafen von Erquy
In der Bretagne wird zwar grundsätzlich französisch gesprochen, es gibt aber noch zwei weitere Sprachen: Im Westen hört man manchmal bretonisch und um Saint-Brieuc ganz selten auch einmal «gallo».
Das Bretonische (bretonisch Brezhoneg) ist eine keltische Sprache. Es gehört wie das Walisische, das Kornische und das ausgestorbene kumbrisch zur Untergruppe der britannischen Sprachen.
Bretonisch ist die einzige moderne keltische Sprache, die auf dem europäischen Festland beheimatet ist. Ihr Verbreitungsgebiet ist die «Bretagne bretonnante», die heute noch aus den westlichen Gebieten der Bretagne besteht, d. h. aus dem Département Finistère (Penn ar Bed) und dem westlichen Teil der Départements Côtes-d’Armor (Aodoù-an-Arvor) und Morbihan (Mor-bihan). Der östlich gelegene Teil der Bretagne ist das Pays gallo.
Das Gallo ist eine Minderheitensprache, die in der östlichen Bretagne gesprochen wird. Ihre Sprecher werden Gallots genannt. Gallo ist eine romanische Sprache, die von altem französisch abstammt. Gallo wird heute praktisch nicht mehr gesprochen. Allerdings kenne ich Leute in der Gegend von St. Brieuc, die noch Gallo können. Wenn sie wollen.
Das Gallo ist eine Minderheitensprache, die in der östlichen Bretagne gesprochen wird. Ihre Sprecher heissen «Gallots».
Die Steinreihen von Carnac gehören zu den eindrücklichsten megalithischen Monumenten
Schon bei Asterix und Obelix wird klar, dass man in der Bretagne kaum an Hinkelsteinen und all den anderen Steinmonumenten vorbeikommt.
Menhir du Champ Dolent
An steinzeitlichen Objekten gibt es in der Bretagne sehr viele verschiedene: Die aufrechten grossen Hinkelsteine, die Megalithen, können allein in der Landschaft stehen, dann heissen sie Menhire. Sie können in Alleen – sogenannten «Alignements» – angeordnet sein, oder überdacht sein – dann heissen sie Dolmen oder «Allées couvertes», oder aber sie stehen in Kreisen als sogenannte «Cromlechs». Von Erd- oder Steinhügeln überwölbte Anlagen heissen Tumuli oder Cairns.
In der Bretagne sind über 4600 megalithische Objekte sichtbar.
Der Höhepunkt der jungsteinzeitlichen Kultur lag in der Bretagne zwischen 4500 und 2500 vor Christus, die steinzeitlichen Zeugen sind also 4500-6500 Jahre alt! Noch einmal zurück zu Obelix: Der sympathische Gallier lebte viel später. Er hatte mit dem Errichten der Menhire und Dolmen also sicher nichts zu tun… Er lieferte die Menhire nur aus :-)
Dolmen de Kermario bei Carnac
Die Gezeiten und die Lage der Bretagne sind verantwortlich dafür, dass die Küsten besonders vielfältig und üppig belebt sind. Je stärker die Gezeiten, desto breiter werden flache Strände und desto mehr Lebensraum erhalten die Pflanzen und Tiere der Küste.
An einem Kilometer Strandabschnitt an der Nordküste lassen sich zwischen den 12 Meter hohen Tiden locker 500-600 verschiedene Tierarten finden und mindestens nocheinmal so viele Algenarten.
Die Landpflanzen in unmittelbarer Küstennähe sind da nicht einmal miteingerechnet. Und auch die sind vielfältig!

Die Bretagne liegt ozeanographisch in einer Übergangszone zwischen den gemässigt warmen Wassern des Atlantiks, die vom Golfstrom beeinflusst sind, und den kalt-gemässigten Fluten der Nordsee. Der Ärmelkanal verbindet diese zwei unterschiedlichen Temperaturzonen. An den Küsten der Bretagne fühlen sich sowohl Tiere und Pflanzen des wärmeren Atlantiks wohl, wie auch diejenigen der kalten Nordsee. Die Strände der Bretagne sind wahrhafte Paradiese der Artenvielfalt.
Man muss aber genauer hinschauen, um diese Üppigkeit auch geniessen zu können: Die vielen Tier- und Algenarten sind nicht so einfach zu finden, denn ihre Farben sind von weitem nicht plakativ. Erst aus der Nähe kommt ihre Buntheit zum Tragen. Und: es braucht ein geübtes Auge oder einen guten Führer am Strand.
Die Landschaft der Bretagne wird durch drei Vegetationstypen bestimmt: Die Heckenlandschaft («la bocage»), mit den vielen Hecken, Weiden und Gehölzen, die Heide («la lande») und die Waldgebiete («les forêts»). Und aussen herum natürlich die Strände... aber das hatten wir ja schon.
Bocage nennt sich eine typische Landschaftsform, die durch Weiden und Hecken geformt wird. Bocage gibt es auch in Belgien oder Grossbritannien. Die Hecken wurden durch keltische Bauern vor mehr als 2000 Jahren als Flurgrenzen angelegt. Seit damals wurden aus den Hecken bis zu drei Meter breite, und bis zu dreieinhalb Meter hohe Wälle. Die Wallhecken sind mit verschiedenen Straucharten wie Brombeer- oder Ligustersträuchern bewachsen, sodass sie mehr als vier Meter hoch werden können. Landwirte bepflanzten die Hecken immer mehr mit Baumreihen, die heute das charakteristische Bild des Bocage dominieren.
12% der Bretagne sind von Wald bedeckt. Der Foret de Paimpont und der Foret de Huelgoat sind die beiden grössten zusammenhängenden Waldgebiete der Bretagne. Vor allem der Wald von Huelgoat ist unglaublich schön, er wird auch das «bretonische Fontaineblau» genannt, wegen der vielen bizarren Felsformationen. Ausserdem ist er die Wiege zahlreicher Legenden. Hier schlängelt sich auch die «rivière d'argent» – das Reich der Feen von Huelgoat – hindurch.
Bleiben wir noch kurz bei den Sagen: Der Forêt de Paimpont - auch Forêt de Brocéliande genannt - ist das Mekka aller Artus-Sagen-Fans. Wenigstens derjenigen, die die Sage in der Bretagne angesiedelt sehen möchten. Indizien fidest du zu Hauf: Im Wald gibts jedenfalls das «Grab des Merlin», das «Tor der Geheimnisse«», ein «Tal ohne Wiederkehr» (Val-sans-retour) und einen Weiher mit dem Namen «Le miroir des Fées».
Merlins Grab im Forêt de Paimpont
Küstennahe Heiden sind vom milden, feuchten Meeresklima beeinflusst. Sie verursachen oft etwas Schmerz, denn der Stechginster, wo dem es in der Bretagne eine eigene Variante gibt, ist hier zwischen den Heidesträuchern dominant. Im Frühjahr und Sommer explodieren die Farben auf den Klippen: Heidekraut und Ginster lassen ihre Blüten straheln.
Diesen Heidetyp gibt es nicht nur in der Bretagne, sondern auch in Norwegen, Irland und den britischen Inseln. Er ist oft auch mit Moor- und Sumpflandschaften verbunden und ist - im Gegensatz zur Inlandheide, die durch menschliche Aktivität erzeugt wurde - einen natürlich gewachsenen Landschaftstyp dar.
Küstenheide an den Côtes d'armor
Im Sommer bringt die Blütenpracht der Hortensien Farbe in die Bretagne, aber auch viele Pflanzen aus dem mediterranen Raum gedeihen prächtig in den bretonischen Gärten. Das milde Meeresklima macht's möglich.
Sechs geschützte Landschaftsparks bieten Natur pur, darunter die Bucht des Mont Saint-Michel, das Cap Fréhel, die Rosa-Granit-Felsen von Ploumanac´h, die Pointe du Raz, den Parc naturel régional d´Armorique" im Finistère und seit 2014 auch den Naturpark vom Golf von Morbihan. Dazu kommen sieben Natur-Reservate, wie die Bucht von Saint-Brieuc und die Inselgruppe der Sept-Îles.
In der Bretagne leben 128 geschützte Pflanzenarten, 78 Säugetier-Arten, davon 18 Meeressäuger wie Seehunde, Delfine und Wale sowie 263 Vogel-Arten.
Junge Rochen finden sich oft im Flachwasser der Gezeitenstrände
Die Bretagne gehört zu den Regionen Frankreichs mit der geringsten Luftverschmutzung. Es gibt wenig Industrie und entsprechend wenig Umweltverschmutzung. Allerdings ist in der Bretagne die Intensiv-Landwirtschaft verantwortlich für einen erhöhten Nitratgehalt des Trinkwassers und die manchmal in Sommermonaten aufkommenden Algenblüten an den Küsten.
... es gibt so viele Speisen, Zutaten und Getränke, die typisch für die Bretagne sind! Ein paar erwähne ich hier, in ein paar Wochen ist dann auch der Essen-und-Trinken-Blog fertig.
Butter ist unverzichtbar in der bretonischen Küche, und nur wenige Gerichte und Backwaren enthalten keine Butter. Sie verbessert jedes Aroma und jeden Geschmack... Und deshalb wird auch oft reichlich Butter verwendet.
Das ist der traditionelle bretonische Eintopf mit Gemüse, Fleisch und in Tüchern gegarten Teigklössen (das bretonische «Kig ha farz» heisst «Fleisch und Mehl»). Die Speise muss ganz lange bei schwacher Hitze garen. Früher haben es die Frauen frühmorgens zubereitet, auf dem Herd gelassen und sind dann in den Feldern arbeiten gegangen. Als sie Mittags zurück kamen, war der Eintopf fertig.
Leicht verdaulich, super schmackhaft und reich an Aromen, ausserdem enthalten sie viel Omega-3-Fettsäuren und Mineralien; die Jakobsmuschel darf man in der Bretagne einfach nicht vergessen zu essen!
Eine junge Jakobsmuschel am Strand... gut zu sehen sind die grauen Augen
Sowohl im Norden als auch im Süden ist die Bretagne ein besonders geeignetes Land für die Austernzucht, die für ihre aussergewöhnliche Qualität bekannt ist.

Eine super Delikatesse sind die Austern aus Cancale
Sowohl im Norden als auch im Süden ist die Bretagne ein besonders geeignetes Land für die Austernzucht, die für ihre aussergewöhnliche Qualität bekannt ist. Fein, speziell, hohl oder flach, haben sie einen starken Jodgeschmack. Natürliches Produkt, reich an essentiellen Nährstoffen, Austern ist eine gesunde und vollständige Quelle der Vorteile für den Körper.
Man kann nicht in der Bretagne bleiben, ohne sie zu geniessen. Kaisergranate, auch Loctudy-Damen genannt, werden für ihr zartes Fleisch geschätzt, ein echter Cocktail aus Proteinen, Mineralien und Spurenelementen. Ohne Mässigung zu konsumieren!
Die süssen Crêpes kennen alle. Die hauchdünnen Weizenpfannkuchen bekommt man mit allerlei «Belag». Die einfachsten sind – so meine ich – die besten: Mit Butter und Zucker oder flambiert mit Calvados oder Lambig, mhhh, einfach fantastisch!
Die Galettes sind auf den ersten Blick wie Crêpes, allerdings sind sie salzig und herzhaft. Sie sind aus Buchweizenmehl, braun bis dunkelbraun gebacken, und man isst sie als Hauptgang mit Champignons, bretonischen Würsten oder mit Lachs. Die Auswahl ist immer riesig und so findet jeder seine Lieblings-Galettes-Sorte.
Der bretonische Hummer ist ausgesprochen schön, er leuchtet förmlich in Blautönen. Er lebt auf Felsböden, manchmal ziemlich nah an der Küste und wird mit Reusen gefischt. Manchmal findet man auch Hummer bei Ebbe zwischen den freigelegten Felsblöcken.
Eine Schale mit Meeresfrüchten vor der Küste zu geniessen, ist eine der Freuden des Urlaubs in der Bretagne. Frisch gefischt zu geniessen, laden sich die Schalentiere einfach vom Meer auf den Teller ein. Ein Konzentrat von Iod-Aromen auf der Terrasse am Hafen oder am Strand geniessen.
Was wäre die Bretagne ohne den Apfel, seine ikonische Frucht? In der Region gibt es mehr als 600 Apfelsorten, von denen einige sehr alt sind. Der bretonische Bauernwein, der Cidre, ist das Bretagne-Getränk schlechthin. Richtig gesund soll er sein, reich an Antioxidantien, Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen, hat seinen säuerlichen, tanninischen oder fruchtigen Geschmack und eine Farbe von hellblond bis cognac. Genau so beliebt ist der süsse alkoholfreie Apfelsaft, den es überall zu trinken gibt. Keiner ist gleich wie der andere.
Das bretonische Pendant zum Calvados aus der Normandie ist der Lambig, auch «eau-de-vie de cidre de Bretagne» genannt. Er unterscheidet sich nur durch die jeweils geschützten Herkunftsbezeichnungen vom Calvados. Zutaten und Herstellungsverfahren sind identisch. Calvados und Lambig werden aus vergorenem Apfelmost, dem Cidre destilliert. Cidre enthält etwa 5% Alkohol. Zugelassen sind nur 48 verschiedene Apfelsorten. In der Regel sollten 40 % süsse Äpfel, 40 % bittere Äpfel und 20 % saure Äpfel gemischt werden. Die Destillation erfolgt zweistufig: der erste Brand hat einen Alkoholgehalt von etwa 25 Vol.-%. Dieser wird nun gelagert und dann ein zweites Mal gebrannt. Der Alkoholgehalt des wasserklaren Brandes liegt jetzt bei ca. 70 Vol.-%. Anschliessend wird die Spirituose noch zwei bis 25 Jahre in Fässern aus Eiche und/oder Kastanie gelagert, dann auf Trinkstärke verdünnt und in Flaschen abgefüllt. Eine Wohltat nach einem üppigen Essen!
Der bretonische Far ist ein Klassiker. Sein Rezept ist sehr einfach: Mehl, Eier, Milch, vorzugsweise voll, um Cremigkeit, Butter und Zucker zu bringen, das alles im Ofen gekocht (daher der bretonische Name «farz forn», was Far im Ofen bedeutet). Einfach, aber köstlich! In seiner bekanntesten Version enthält es Zwetschgen, die die Seeleute früher getrocknet von ihren Reisen zurückbrachten und die dem traditionellen Rezept einen fruchtigen Touch hinzufügen. Es kann auch mit einem Hauch von Rum duftend sein oder mit Trauben verkostet werden. Er ist ziemlich herzhaft und füllt den Bauch der Feinschmecker zur Zeit des Nachmittags gut.
Verbunden «mit Frankreich» ist die Bretagne mit ihrer eigenwilligen staatlichen vierspurigen Schnellstrasse, der «quatre-voies express», für deren Benutzung man keine Maut zu zahlen braucht. Hat das wohl mit den eigenwilligen Bretonen zu tun? Oder sogar mit einer Adligen?
Dass die Autobahnen in der Bretagne kostenlos sind, verdankt man einer hartnäckigen und mutigen Bretonin, der «Duchesse Anne». Nun gut, es ist lange her: 1491 marschierte König Karl VIII in das unabhängige Herzogtum Bretagne ein und zwang Anne, ihn zu heiraten. Die Bretagne sollte mit Frankreich verbunden werden. Annes Bedingung für die Einwilligung: Bretonen müssen reisen können, ohne dafür Steuern zahlen zu müssen. Die kostenlosen Strassen stammen aus dieser Zeit. Zugegeben, das ist bloss eine nette Legende… und damit lassen wir sie auch als solche ruhen.
Die Wahrheit ist viel prosaischer: Es gibt keine echten Autobahnen in der Bretagne, sondern nur vierspurige Schnellstrassen, die «quatre-voies express». Am 9. Oktober 1968 nahm die Regierung den bretonischen Strassenplan zur Anbindung der bretonischen Halbinsel an. Es wurden Schnellstrassen aber keine Autobahnen geschaffen. Diese sind kostenlos. Im Jahr 2003 wurde die erste richtige Autobahn der Bretagne zwischen Rennes und Caen eröffnet. Sie ist auch kostenlos. Warum denn nun dies? Das Gesetz sieht vor, dass eine Autobahn nur dann als kostenpflichtig gebaut werden darf, wenn es eine parallele Alternativ-Route gibt. Was hier nicht der Fall ist.
Ich antwortete ausführlich und merkte, dass mich mein Gegenüber verständnislos anschaute. Dann wurde mir klar, dass ich auf die Frage geantwortet hatte «wie vermehren sich Muscheln?».
Aber um diese Frage zu stellen, muss man bereits einiges über Muscheln wissen. Beispielsweise, dass Muscheln Tiere sind, dass sie im Wasser leben und dass das, was da am Strand liegt, nur noch die vom Tier übriggebliebenen leblosen Schalen sind.
Die Frage drehte sich also vielmehr darum, woher denn die Muschelschalen am Strand kommen, und was genau eine Muschel ist. Ich versuche das in diesem Blogartikel zu beantworten:
Wenn du über einen Strand wanderst, findest du laufend Schalen oder Schalenbruchstücke von Muscheln und von Schnecken. Bleiben wir zunächst bei den Muscheln: Die Schale ist das Skelett der Muschel, es ist ein äusseres, also ein Exo-Skelett.
leere Schale einer Herzmuschel
Die Schale ist ein lebloser Teil der Muschel, so ähnlich wie unser Haar oder der äussere Panzer einer Schildkröte. Sie besteht aus Kalk und ist auf der Innenseite meist wunderbar glatt und schön. Die innerste Schicht der Muschelschale heisst auch Perlmuttschicht. Perlmutt ist glatt und schillert oft bunt. Bei Perlaustern entsteht hier die Perle.
Im Inneren der Muschelschale liegt der eigentliche Muschelkörper, der sehr weich und zerbrechlich ist; deshalb gehören Schnecken und Muscheln auch zum Tierstamm der sogenannten Weichtiere. Ihre Weichteile enthalten fast alles, was wir auch von uns kennen. Die Muscheln wirken zwar etwas einfach gebaut, aber das ist ein Trugschluss: Dieses Tier hat einen Mund, einen Darm, Blut, Atmungsorgane, ein Herz, Nieren, Leber, Sinnesorgane, Nervenbahnen, Geschlechtsorgane, ... alles vorhanden.
Eine Pilgermuschel am Strand hat sich geöffnet. Man sieht den dicken Schliessmuskel und am oberen Schalenrand die perlenförmigen Augen.
Den äusseren Teil des weichen Muschelkörpers nennt man Mantel. Der Mantel umhüllt eigentlich den gesamten Muschelkörper und schützt ihn. Den fleischigen Mantel sieht man bei einer lebenden Muschel dann, wenn sie sich leicht öffnet. Dann kommen auch zwei Öffnungen zum Vorschein, die Siphone. Je nach Muschel können die Siphone winzig klein oder aber mehrere Zentimeter lang sein, dann sehen sie aus wie Schläuche. Über den einen Siphon saugt die Muschel frisches Meerwasser an, um es über die Kiemen zu leiten. So atmet eine Muschel.
Die Ein- und Ausströmöffnungen einer Herzmuschel: Siphone
Die Muschel filtriert mit den Kiemen aber auch Nahrungspartikel aus dem Atemwasser. Das sind meist winzig kleine Planktonlebewesen. Diese bleiben in dem Kiemen hängen und werden dann gefressen. Das geht einfach, weil der Mund hier mitten zwischen den Kiemen liegt. Das gefilterte und veratmete Wasser wird durch den zweiten Siphon wieder ausgestossen. Muscheln, die im Meeresboden eingegraben leben – und das sind sehr viele Arten – haben meist sehr lange Siphone: die ragen dann wie Schnorchel nach oben, und zwar so weit, dass sie über den Sand des Meeresbodens gucken. So saugt die Muschel keinen Sand ein…
Eine Muschel ist eigentlich ein Filterapparat!
Muscheln haben auch ein Herz mit Haupt- und zwei Vorkammern. Lustigerweise durchquert der Darm die Hauptkammer! Das Blutgefässsystem ist offen, das heisst, das Blut zirkuliert streckenweise nicht in Venen oder Arterien sondern offen zwischen den Organen und Zellen.
Muschelschalen bestehen aus Kalk, der im Meerwasser reichlich in gelöster Form vorhanden ist. Den baut die Muschel in ihre Schale ein. Der Aufbau der Schale erfolgt immer am sogenannten Mantelrand, eines drei-faltigen Organs, das mehrere Funktionen hat: es bildet die Schale, es trägt Sinnesorgane wie Augen oder Geschmacks- und Geruchsrezeptoren und es dichtet das Innere der Schale ab. Fast wie eine Silikondichtung...
Die riesige Ottermuschel (ca 15 Zentimeter) mit ihren ebenso gigantischen Siphonen. Der Fuss liegt auf der gegenüberliegenden Seite.
Eine leere Schale einer Ottermuschel. Sie schliesst nicht ganz, damit immer genug Platz für die grossen ausstreckbaren Siphone vorhanden ist.
Muscheln haben immer zwei Schalen, eine linke und eine rechte. Bei den meisten Arten sind linke und rechte Schale sehr ähnlich wie beispielsweise bei der Miesmuschel, bei anderen Arten wie den Pilgermuscheln oder den Austern sind die beiden Schalen unterschiedlich in Form und/oder Grösse. Bei allen Muscheln sind die Schalen mit einem elastischen Band und einem verzahnten Scharnier, dem Schloss, miteinander verbunden; im Inneren ziehen starke Muskeln die beiden Schalen zusammen. So kann sich eine Muschel – je nach Art teilweise oder vollständig – von der Aussenwelt abschotten. Das hilft gegen Feinde oder gegen Austrocknung bei Ebbe.
Wenn du nun eine Muschelschale am Strand findest, dann erzählt dies eine kleine Geschichte: Lebende Muscheln stecken meist im Meeresboden. Sterben sie oder werden sie gefressen, dann können sie sich nicht mehr eingraben; Meeresströmungen oder die Brandung verfrachten ihre leer gefressenen Schalen an den Strand.
Roxy übersieht eine kleine Herzmuschel, die sich nicht rechtzeitig vor der Ebbe eingraben konnte. Ein Angebot für Meeresvögel.
Bei an den Strand angespülten Muschelschalen findest du manchmal kreisrunde kleine Löcher (ca 1-3 Millimeter im Durchmesser). Diese Löcher stammen von räuberischen Schnecken – manchmal auch von Tintenfischen – erzeugt, welche die Muschelschale mit Speichelsäure aufweichen. Dann bohren sie sie mit ihrer Raspelzunge auf und fressen die Weichteile.
Im Meer leben rund 8000 Muschel-Arten, dazu kommen noch etwa 1500-2000 Arten im Süsswasser. Es gibt also eine enorme Vielfalt an Formen, Grössen und Farben bei Muscheln.
In Farbe, Form und Beschaffenheit sind die Schalen aber auch der einzelnen Arten sehr unterschiedlich. Es gibt weisse und stachlige ebenso wie längliche, schwarze und glatte Schalen.
Die Schalenform der Muscheln hat mit ihrer jeweiligen Lebensweise zu tun. Das sieht man bei genauerem Hinsehen gut:
Muscheln aus unterschiedlichen Verwandtschaften besitzen oft ähnliche Lebensweisen und Schalenformen. Dies nennt man Konvergenz.
Da Schalenform und Lebensweise zusammenhängen, kann man auch an der Form fossiler Muscheln - die es heute nicht mehr gibt - die Lebensweise und ihre Lebensräumen rekonstruieren.
Diese Muschel heisst «Sägezähnchen». Manchmal werden ihre Schalen in Massen an den Strand geworfen. Es gibt sie in vielen verschiedenen Farben.
Muscheln leben entweder an Felsen festgewachsen wie Miesmuscheln oder Austern, sie liegen auf dem Meeresgrund wie die Pilgermuscheln oder graben sich – wie die meisten Arten – im Meeresgrund ein. Muscheln bewegen sich meist nicht weit vom Fleck. Aber die meisten können sich sehr wohl fortbewegen, meistens in den Untergrund hinein.
Wie die verwandten Schnecken haben auch Muscheln einen muskulösen «Fuss». Der sieht aus wie ein Keil oder wie eine lang ausgestreckte Zunge. Mit dem Fuss können sich Muscheln ausgezeichnet in den Bodengrund einbuddeln, indem sie den Fuss wie einen Spaten in den lockeren Sand schieben und ihn danach zusammenziehen. So wird der Fuss dicker und verankert ihn im Boden. Danach zieht die Muschel den Fuss ein und zieht sich so nach unten in den Sand. Das passiert meist mit ruckartigen Bewegungen.
Schnecken sind verwandt mit den Muscheln.
Das perfekt gewundene Häuschen einer Kreiselschnecke. Schnecken haben EINE Schale, Muscheln deren ZWEI.
Alle Muscheln haben eine Schale. Auch viele Schnecken haben eine Schale. Aber es gibt klare Unterschiede: Schnecken haben nur eine Schale, und Schnecken sind zwar meistens im «Schneckentempo» unterwegs, aber trotzdem können sie vergleichsweise weite Wanderungen auf der Kriechsohle ihres Fusses machen. Schnecken haben Augen und bessere Sinnesorgane als Muscheln. Muscheln bewegen sich nur wenig vom Fleck und haben meist keine Augen. Aber es gibt Ausnahmen.
Eine wunderschöne Nabelschnecke auf dem bretonischen Sandwatt.
Das ist ganz einfach: Schneckenschalen sind meist spiralig gewunden. Ausserdem haben Schnecken nur eine Schale. Muscheln haben immer zwei Schalen. Grosse tropische Schneckenschalen werden oft als «Muscheln» bezeichnet, was natürlich falsch ist. Aber: wie entstehen Muscheln?
Auch ein Muschelbaby hat bereits eine Schale!
Wie entsteht eine Muschel, oder vielmehr die Muschelschale? Wenn du eine Muschelschale am Strand findest, dann schau sie dir einmal ganz genau an. Du erkennst Rillen , die ähnlich wie bei Baumringen das jahreszeitliche Wachstum abbilden. Mit etwas Übung findest du bei fast jeder Muschel heraus, wie alt sie ist. Du brauchst nur die schmaleren Rillen zu zählen; die entstehen im Winter, wenn die Schale wegen der tiefen Temperaturen kaum wächst. Bei tropischen Muscheln ist das etwas schwieriger, da dort das Meer immer etwa gleich warm und die Muschel immer gleich schnell wächst.
Wie alt könnte diese Trogmuschel wohl sein? Die Farbbänder zeigen es an...
(vermutlich 3.5 Jahre)
Bereits als Larve hat die Muschel übrigens eine winzige Schale. Oft ist dieses erste Schälchen ansatzweise noch bei Erwachsenen zu sehen, nämlich am Wirbel. Der Wirbel der Muschelschale ist der Ort, wo die ganzen Zuwachsringe zusammenstossen. Die erste Schale wächst am Rand laufend weiter. Das Wachstum erfolgt immer vom Wirbel weg nach aussen. So ergibt sich das typische exzentrische Ringmuster der Muschelschalen.
Lies mehr zum Thema: «Wie vermehren sich Muscheln?».
Bald schreibe ich einen Artikel zum Thema «Sand».
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